Stephen Greenblatt

Die Wende

Wie die Renaissance begann
Cover: Die Wende
Siedler Verlag, München 2012
ISBN 9783886808489
Gebunden, 345 Seiten, 24,99 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Klaus Binder. Stephen Greenblatt führt uns in seinem neuen Buch an die Zeitenwende zwischen dem Ende des Mittelalters und dem Beginn der Renaissance. Er folgt dabei den Spuren von Lukrez' "De rerum natura", einem antiken Text, der zu Beginn des 15. Jahrhunderts wiederentdeckt wurde, das Denken der Menschen radikal veränderte und die Welt in die Moderne führte. An einem kalten Januartag des Jahres 1417 fällt dem Humanisten Poggio Bracciolini in einem deutschen Kloster ein altes Manuskript in die Hände. Damit rettet er das letzte vorhandene Exemplar von Lukrez antikem Meisterwerk "De rerum natura" vor dem Vergessen, nicht ahnend, dass dieses Buch die damalige Welt in ihren Grundfesten erschüttern wird. Denn der antike Text mit seinen unerhörten Gedanken über die Natur der Dinge eröffnet den Menschen des ausgehenden Mittelalters neue Horizonte, befeuert die beginnende Renaissance und bildet die Basis unserer modernen Weltsicht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.08.2012

Wann begann die Renaissance? Der amerikanische Literaturwissenschaftler Stephen Greenblatt weiß es sogar auf den Tag genau. Es war, als der Papstvertraute Poggio das einzig noch existierende Exemplar von Lukrez' progressiver Schrift "De rerum natura" entdeckte. Greenblatt erzählt diese Geschichte und die von der unterdrückten Rezeption des Textes durch die Kirche als Populärhistorie, die Martin Mulsow außerordentlich gut gefällt, weil der Autor Forschung vermittelt und erzählerisch die unterschiedlichsten Bereiche aus Philosophie und Geschichte erhellt, und zwar in einer Breite, die Mulsow einfach eindrucksvoll erscheint. Am Ende weiß der Rezensent auch, was Greenblatt hier recht eigentlich unternimmt: Nichts Geringeres nämlich als ein flammendes Plädoyer für den "pädagogischen Eros" von Schriftkultur und säkularem Denken, den er bei Lukrez findet und der sich in der Errettung des Textes vor dem Vergessen und Verdrängen niederschlägt. Vor dem Hintergrund kreationistischer und fundamentalchristlicher Tendenzen in Greenblatts Heimat USA, meint Mulsow, erscheint das Buch auch noch höchst aktuell.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 31.05.2012

Was Jens Jessen da über dieses Buch schreibt, liest sich zunächst wie der Privatvortrag eines Lehrers, dem man gerne zuhört, über Wesen und Zwiespalt des Renaissance-Begriffs. Ganz, als sei all sein Wissen über Lukrez, um dessen Wiederentdeckung durch Poggio Bracciolini es in Greenblatts Buch im wesentlichen geht, aus eigener Bildung geschöpft, lässt sich Jessen erst zum Abschluss seines Artikels zu einigen lobenden und noch mehr kritischen Worten über Greenblatts Buch herab. Er mag den "Renaissancismus" des Buchautors so gar nicht teilen, äußert sich, wie man es in diesem Wochenblatt für "Glauben und Zweifeln" auch nicht anders erwartet, befremdet über dessen "Glauben an einen Fortschritt, zu dem notwendigerweise der Atheismus, die befreite Liebe, der Autoritätensturz und der enthemmte Genuss" gehören. Vier Geißeln der Moderne! Aber immerhin: Jessen bescheinigt Greenblatts Abenteuergeschichte des sich befreienden Intellekts eine gute Lesbarkeit.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 26.05.2012

Stephen Greenblatts Buch über die Renaissance und die Anfänge einer modernen Weltsicht hat Andrew James Johnston in keiner Weise überzeugt. Das liegt vor allem daran, dass der Autor in seinen Augen die gängigen Klischees über die Renaissance einmal mehr reproduziert und dieses Zeitalter heroisch feiert. Dass dabei wieder einmal das Mittelalter als besonders finstere und abergläubige Epoche, ja als Gegenbild der Moderne herhalten muss - ein Klischee, das inzwischen längst überwunden wurde - missfällt ihm am meisten. Am Ende des Buchs wird für Johnston deutlich, warum Greenblatt die Konstruktion des Gegensatzes von Mittelalter und Renaissance immer noch braucht: nämlich um den Amerikanern zu zeigen, dass ihre zentralen Werte einer über die Renaissance vermittelten Antike entstammen, die weder christlich, noch fundamentalistisch noch ultrakapitalistisch war. Dieses Ziel scheint dem Rezensenten durchaus honorig. Dass es bei Greenblatt allerdings auf Kosten der historischen Wahrheit anvisiert wird, kann er nicht gutheißen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 26.04.2012

Ruth Fühner zeigt sich von Stephen Greenblatts mit dem Pulitzerpreis ausgezeichneten und jetzt auf Deutsch erschienenen Buch über einen ideen- und wirkungsgeschichtlichen Aspekt der Renaissance sehr eingenommen. Der als Shakespeare-Kenner bekannte Harvard-Professor nimmt einen zu Anfang des 15. Jahrhunderts in einem süddeutschen Kloster gefundenen Text des antiken Dichters Lukrez zum Ausgangspunkt und roten Faden seiner Geschichte von den Anfängen der Renaissance, so die Rezensentin gefesselt. Dem Autor gelingt hier ein Stück brillante Wissenschaftsprosa, die durch Kenntnisreichtum genauso überzeugt wie durch sprachliche und erzählerische "Eleganz", schwärmt Fühner, die nur den Titel der deutschen Übersetzung etwas irreführend findet. Denn Greenblatt zeigt sehr plausibel den "Ruck", der von diesem antiken Text ausging und spätere Generationen nachhaltig inspirierte. Die Wirkung, die Lukrez' "De rerum natura" aber bereits auf die Zeitgenossen des Finders Poggio Braccioloni hatte, hätte Fühner gern etwas näher beleuchtet gesehen, als der Autor es tut, aber davon abgesehen ist die Rezensentin voll des Lobes über die Erkundungen eines bislang wenig untersuchten Kapitels der Renaissance.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 25.04.2012

Dass der Autor Blut geleckt hat und nun am liebsten nur noch bestsellenden Wissenschaftsjournalismus betreiben will, kann Johan Schloemann Stephen Greenblatt nicht mal übelnehmen. Zu faszinierend erscheint ihm das von Greenblatt angegangene Thema des antiken Atomismus, das der Autor in einen veritablen und schwungvollen Schmöker über Philologie und Humanismus, Klosterwesen und Textkritik, Altertum und Renaissance verwandelt. Lernen lässt sich dabei auch etwas, daran lässt Schloemann keinen Zweifel. Die Nachteile einer solchen Verlegung aufs Abenteuer- und Entdecker-Genre benennt er allerdings auch: Nicht nur muss die aktuelle Forschung weitgehend draußen bleiben, auch Klischees feiern fröhlich Urständ, so dasjenige vom finsteren Mittelalter und der leuchtend hellen Renaissance.
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