Stefan Rebenich

Theodor Mommsen

Eine Biografie
Cover: Theodor Mommsen
C. H. Beck Verlag, München 2002
ISBN 9783406492952
Gebunden, 272 Seiten, 26,90 EUR

Klappentext

Stefan Rebenich zeigt in seiner Biografie Theodor Mommsens (1817-1903), dass sich dessen Bedeutung nicht allein auf die Erforschung der Antike reduzieren lässt. Er erinnert an den eminent politischen Mommsen, der als junger Professor für römisches Recht wegen seines Engagements für die 48er-Revolution seines Amtes enthoben wurde, dann als liberaler Abgeordneter im deutschen Reichstag saß und sich wegen seiner demokratisch-freiheitlichen Gesinnung als Gegner Bismarcks positionierte. Die politische Genesis Mommsens interpretiert Stefan Rebenich auch als Schlüssel zum Verständnis seiner monumentalen wissenschaftlichen Werke. Darüber hinaus beschreibt er Mommsens Rolle als Wissenschaftsorganisator großen Stils, mit dessen Namen nicht zuletzt das Corpus der Lateinischen Inschriften (CIL) verbunden bleiben wird.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.11.2003

Patrick Bahners vergleicht diese neue Biografie des Historikers Theodor Mommsen mit derjenigen von Alfred Heuß von 1956 - und empfiehlt am Ende letztere, die "im Franz Steiner Verlag für 38 Euro lieferbar" sei. Wie Heuß nämlich folge Stefan Rebenich zunächst einmal bis in die Gliederung hinein dem Muster klassischer Biografien, "den Gegenständen entlang, wie es einem Leben angemessen ist, das sich selbst objektivierte". Doch wie für Tagungen zum Andenken an Max Weber etwa, so gelte auch hier: "Häufiger als ein Zuwachs des Wissens ist ein Nachlassen der intellektuellen Kraft zu bemerken." Dann also doch lieber gleich das Original sozusagen, anstelle der Kopie mit "geringerer plastischer Energie bei knapperem Umfang". Etwas Neues, findet der Rezensent, hätten wohl nur "diskurshistorische Bohrungen" erbringen können, wie man sie "bei Gibbon, Michelet, Bloch und Kantorowicz" probiert habe. Doch diese Art "Experimentalbiografik" sei Rebenichs Sache nicht. Immerhin "prägnant" fand Bahners Rebenichs Aufriss von Mommsens "Römisches Staatsrecht", dessen streng systematischer Zugriff hier als Zuspitzung der modernen Hermeneutik erscheine. Sogar "schlagend" findet Bahners die dazugehörige "politische Lesart des gelehrten Monuments" durch Rebenich - demnach hat Mommsen hier gleichsam "selbst als Verfassungsgeber eines liberalen Musterstaats" agiert.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 27.11.2002

Liebhaber des Menschlich-Allzumenschlichen werden bei Stefan Rebenichs Biografie über Theodor Mommsen nicht auf ihre Kosten kommen, stellt Rezensent Volker Reinhardt eingangs erst einmal klar. Wer Mommsen "in Pantoffeln" will, sollte zu einem anderen Buch greifen. Ja selbst der Wissenschaftler und Publizist Mommsen tritt Reinhardt zufolge oft über längere Passagen hinter den Schilderungen der Zeitverhältnisse zurück. Das findet Reinhardt auch völlig gerechtfertigt, zum einen, weil es Mommsens Konzept der "Großwissenschaft" entspreche, zum andern, weil sich das Leben des "Großgelehrten, Großordinarius und Großautors" wie kein anderes als "Epochenquerschnitts-Biografie als Zeitzeugnis-Existenz" eigne. Er hebt lobend hervor, dass Rebenich diese Methode "konsequent" und "mit großem Erfolg hinsichtlich der erzielten Tiefenwirkung" durchhält. Mehr noch aber zeigt sich Reinhardt davon angetan, dass Rebenich eine Lebensbeschreibung verfasst hat, die nach Einschätzung des Rezensenten "zum seltenen Genus der dienenden Biografie" gehört, die also bei aller Sachkenntnis wohltuende Distanz wahre, die Sentimentalität eines Menschen des 19. Jahrhunderts respektiere und ihm seine Würde durch Andersartigkeit lasse.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 22.10.2002

Stefan Rebenichs Biografie über den Historiker und Literaturnobelpreisträger Theodor Mommsen hat Rezensent Ralph Bollmann letztlich nicht ganz überzeugt. Zwar hebe sich seine Biografie, indem sie auch die negativen Seiten des Großgelehrten nicht verschweige, wohltuend von früherer Mommsen-Hagiografie ab. Doch die verschiedenen Aspekte der ungewöhnlich vielseitigen Persönlichkeit Mommsens bleiben zum Bedauern des Rezensenten "unverbunden", das Bild von Mommsens Persönlichkeit bleibt insgesamt "blass". Bollmann moniert vor allem den Mangel an Anschaulichkeit in Rebenichs Arbeit. So gehe Rebenich mit Originalzitaten höchst sparsam um, deute Zusammenhänge oft nur allzu knapp an. Gerade als weniger umfangreiche Arbeit hätte Rebenichs Mommsen-Biografie für Bollmann "nach einer stärkeren Zuspitzung, nach einer pointierteren These verlangt". Wie das funktioniert, hätte sich der Autor gerade bei Mommsens "Römischer Geschichte" abschauen können, hält Bollmann fest.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.10.2002

Mit seinen Biografen hatte der große Historiker des 19. Jahrhunderts, Theodor Mommsen, bislang wenig Glück, befindet Karl Christ, der sich freut, dass nun endlich durch den Althistoriker und Mommsen-Spezialist Stefan Rebenich eine angemessene Würdigung des renommierten Spezialisten für römisches Recht und politisch engagierten Mannes gelungen ist. Denn Mommsen war ein Alt-48er, sein Engagement brachte ihn sogar für kurze Zeit ins Gefängnis und auch später, als Abgeordneter, vertrat er stets den linken Flügel der Nationalliberalen; er wirkte als Hochschuldirektor in Berlin, er setzte 16 Kinder in die Welt und pflegte die "innerweltliche Askese" - Christ wartet mit einer Menge interessanter Details aus Mommsens Leben auf. Rebenich beleuchte sowohl den persönlichen wie beruflichen Werdegang Mommsens, schreibt Christ, er würdige ausführlich dessen Hauptwerke, beäuge kritisch die Lehrtätigkeit Mommsens, würdige die politische Karriere als Abgeordneter sowie Mommsens Tätigkeit als Dekan und später Rektor der Berliner Universität. Besonders "ertragreich" fällt für den Rezensenten Rebenichs Einschätzung Mommsens als großartiger Wissenschaftsorganisator aus: Für ihn stehe Mommsen auf der Schwelle von der Individual- zur Großforschung.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.10.2002

Sehr angetan ist Hans-Albrecht Koch von diesem Buch und nennt es "recht eigentlich die erste Mommsen-Biografie". Als "gelungene Verbindung von gebändigtem Reichtum an Details und weitem Blick" hat er die Darstellung des Epoche machenden und dennoch "sich selbst nicht imponierenden" Historikers empfunden und wird nicht müde, immer wieder einzelne Aspekte dem Leser nacherzählend zu vergegenwärtigen. "Auffällig zurückhaltend" findet er Rebenichs Behandlung von "Lebensphänomenen", die eine "medizinische Terminologie geradezu aufdrängten": Koch selbst nennt es "depressive Zyklothomie", an der Mommsen, wie Koch meint, gelitten habe. Als Verdienst rechnet es der Rezensent dem Autor an, dass er "unschöne Flecken in Mommsens Charakter nicht übermalt", so dessen Unfähigkeit, Widerspruch zu ertragen und gegen Kritiker nachtragend und wirksam zu intrigieren wo er konnte. Mommsens wichtigste politische Äußerung nennt er, wohl im Einklang mit Rebenich, "die Zurückweisung der antisemitischen Ausfälle seines Kollegen Treitschke". Statt Anekdotisches über Mommsens "leichtsinnigen Umgang mit offenem Licht" hätte man in der Rezension hierüber doch brennend gern mehr erfahren.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 02.10.2002

Ein gebremstes Lob von Christian Meier für die Biografie des Historikers: sie sei "beeindruckend" und schließe endlich eine doch immer wieder fühlbar gewesene Lücke. Der imposante Historiker der "Römischen Geschichte" wird dargestellt im Kontext seiner Zeit, vieles in dem Buch beruht "auf jahrelanger eigener Forschung", schreibt Meier und lobt: "Die Darstellung ist übersichtlich geordnet und auch für Außenstehende gut zu lesen." Wen Meier wohl mit den Außenstehenden meint? Jedenfalls aber referiert er eifrig über die Stärken und Schwächen des Protagonisten, dem, so findet Meier, der Autor im Wesentlichen gerecht geworden ist - seiner großen wissenschaftlichen, wenn auch heute nicht mehr konzeptionell überzeugenden Arbeit, und der Komplexität eines schwierigen, oft von Depressionen verdüsterten Charakters. Einzige Kritik: die Darstellung der Politik jener Zeit sei manchmal etwas "holzschnittartig" geraten, und in der Beurteilung der "politischen Tendenz in der 'Römischen Geschichte'" ist Meier anderer Meinung als Rebenich, was er allerdings nicht weiter ausführt.