"Sound des Krieges", "Porno-Nationalismus", "Turbo-Faschismus", "Sirenen des serbischen Nationalismus" - es gibt viele drastische Umschreibungen für den Turbofolk. Trotzdem war das Musikgenre in den 1990er-Jahren beispiellos populär in Serbien, aber auch in den anderen ex-jugoslawischen Staaten. Kein Fernsehsender und kein Café, das nicht die mit harten Beats und Keyboard aufgemotzte Folkmusik spielte.
Der Turbofolk hatte viele Funktionen. Er war nicht bloß ein Musikgenre, sondern eine Kultur. Eine Haltung. Während der Bürgerkriege füllte er eine Leerstelle, die durch den Staatszerfall in der Unterhaltungsindustrie entstanden war. Die Glitzerwelt tröstete die Menschen über Sanktionen und In ation hinweg. Von dem einen Staat wurde der Turbofolk gefördert, von dem anderen bekämpft. Aber niemanden im postjugoslawischen Raum ließ er kalt.
Der Triumph der Musik und seiner extremen Ästhetik wurde auch als Verlust einer offenen Gesellschaft und Popkultur wahrgenommen, als Sargnagel Jugoslawiens. Bis heute schwingen die großen Identitätsfragen mit, wenn über diese Musik gesprochen wird: Es geht um den Balkan und Europa, Pop-und Hochkultur, Ethnie und Nation, und immer um Geschlechterrollen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 13.12.2017
Im "Turbofolk" verschmelzen auf dem Balkan regionale Traditionsmusik mit Pop-Musik-Einflüssen, die sich ebenso schnell veränderten wie der davon inspirierte Jugo-Pop. Sonja Vogels gleichnamige Studie widmet sich nun drei weiblichen Stars aus drei aufeinanderfolgenden Musik-Generationen und zeichnet anhand ihrer Persönlichkeiten und Werke die Einflüsse, Entwicklungen und Bedeutungen der Musik des späten 20. Jahrhunderts in der Balkanregion nach, fasst Norbert Mappes-Niediek zusammen. Dabei bezieht sie gesellschaftspolitische Entwicklungen ein, beschäftigt sich mit den im Wandel begriffenen Geschlechterverhältnissen und leistet Musik- und Medienkritik, die das Buch weit über den Kreis Jugoslawien-Interessierter empfehlenswert machen, lobt der Rezensent.
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