Zwischen 1941 und 1945 kamen in deutschem Gewahrsam mindestens 2,6 Millionen sowjetische Kriegsgefangene ums Leben. Unter Missachtung von Völkerrecht und Genfer Konvention starben die Kriegsgefangenen aufgrund unzureichender Versorgung, brutaler Behandlung, harter Arbeit und gezielter Mordaktionen. Rolf Keller zeichnet in seiner Studie erstmals den Zusammenhang von Lagersystem, Arbeitseinsatz und Massensterben insbesondere am Beispiel der drei "Russenlager" der Wehrmacht in der Lüneburger Heide nach. In Bergen-Belsen, Fallingbostel-Oerbke und Wietzendorf starben etwa 50 000 sowjetische Kriegsgefangene, die Mehrzahl im Winter 1941/1942. Die Untersuchung basiert auf breiten Quellenrecherchen, insbesondere in russischen und osteuropäischen Archiven. Sie zeigt für die sowjetischen Kriegsgefangenen im Deutschen Reich auf, wie eng Vernichtungskrieg, Kriegsgefangenenwesen und Kriegswirtschaft verflochten waren. Damit stellt sie einen wichtigen Beitrag zur Frage nach der Mitverantwortung der Wehrmacht an den Verbrechen im Nationalsozialismus dar.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.07.2012
Dem hier rezensierenden Historiker Christian Hartmann wird etwas mulmig bei dem Gedanken daran, welch geringen Stellenwert die sowjetischen Kriegsgefangenen in der Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus einnehmen. Immerhin sind drei Millionen Rotarmisten unter elendigen Bedingungen in den deutschen Lagern ums Leben gekommen: "Zur Zeit sterben jeden Tag rund 100 Gefangene, heute genau 94", zitiert Hartmann die Meldung einer Wachmannschaft aus dem Lager Wietzendorf in der Lüneburger Heide. Umso respektabler erscheint dem Rezensenten diese Arbeit seines Historikerkollegen Rolf Keller, der die erste Überblicksstudie zu den Lagern der sowjetischen Kriegsgefangenen vorgelegt hat. Natürlich ist das keine leicht Kost, warnt Hartmann vor, aber wichtige. Irritierende nur, dass Autor und Rezensent durchweg den offiziellen Namen Deutsches Reich benutzen, wenn sie vom Dritten Reich sprechen.
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