"... meinem Herzen bleiben Sie unbeirrt der treue Freund, Berater u. Wegweiser", schreibt die böhmische Baronesse Sidonie Nadherny 1924 an Rainer Maria Rilke. Der Satz faßt den besonderen Charakter dieser Freundschaft zusammen, den der zwei Jahrzehnte überdauernde Briefwechsel dokumentiert. Rilkes Briefe aus den ersten Jahren bezeugen eine einfühlsame "education sentimentale"; die Freundschaft vertiefte sich im Laufe der Jahre, auch durch drei Besuche Rilkes auf Schloss Janowitz. Die Gegenbriefe der Freundin bis zum Jahr 1914 sind verschollen; umso wertvoller, daß im Briefbestand danach ihre »Schreibstimme« voll zur Geltung kommt: Sie lässt den Leser die "Zwiefältigkeit" ihres von Schicksalsschlägen geprägten Charakters nachempfinden. Sidonie Nadherny unterhielt die Korrespondenz mit Rilke bis zu dessen Tod 1926 parallel zu der mehrfach unterbrochenen Liebesbeziehung zu Karl Kraus.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007
Lorenz Jäger sagt es ohne Umschweife: Rilke ist nicht Benn. Die der Lektüre des Briefwechsels vorgelagerte Schwelle hat er erkannt und überwunden, um die Korrespondenz "zweier Außenseiter" um die Brennpunkte 'moderne Kunst' und 'europäische Städte und Landschaften' zu verfolgen. Und zwar durchaus mit Gewinn: Wenn Rilke die "seelischen Schwingungen" eines Raumes erspürt oder, während der Kriegsjahre, mit dem Verstummen ringt. Als geistige Topografie empfiehlt Jäger allerdings einen mondänen Kurort. Nicht die Kneipe, wie bei Benn.
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