Nein!
Stimmen aus Russland gegen den Krieg

Rowohlt Verlag, Hamburg 2025
ISBN
9783498007430
Gebunden, 384 Seiten, 28,00
EUR
Klappentext
Aus dem Russischen von Andreas Weihe, Franziska Zwerg, Christiane Körner, Maria Rajer, Nataliya Bakshi und Ruth Altenhofen. Was bedeutet es für das eigene Leben, wenn das Land, das man seine Heimat nennt, einen brutalen Krieg anzettelt, Hass und Gewalt verbreitet? Wie bleibt man ein Mensch? 25 Autorinnen und Autoren aus Russland sagen Nein zum Krieg gegen die Ukraine. Gemeinsam werfen sie einen Blick auf die aktuelle russische Kultur, beleuchten Missstände und gefährliche Entwicklungen in der Gesellschaft. Alle sind Repräsentant:innen jener Gruppen, die jetzt besonders gefährdet und geächtet sind und deshalb zum Schweigen gebracht oder ins Exil getrieben wurden. Die mal spielerischen, mal ernsten Geschichten, Gedichte, Essays und Theaterstücke spiegeln die kulturelle und ethnische Vielfalt wider, die Russland eigentlich ausmacht und nun unsichtbar geworden ist. Sie erzählen vom veränderten Alltag, von Exil, Schuld und Verantwortung, bieten Reflexionen über moralische Entscheidungsmöglichkeiten in einem Moment, in dem das eigene Land aggressiv gegen Zivilbevölkerungen vorgeht - eine Erfahrung, die auch in die deutsche Geschichte eingeschrieben ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 31.07.2025
Wichtige oppositionelle literarische Stimmen aus Russland versammelt dieser Band, berichtet Rezensent Tobias Lehmkuhl. Insgesamt 24 Autoren und - mehrheitlich - Autorinnen sind vertreten, erfahren wir, Tagebuchartiges steht neben Gedichten, Kurzgeschichten und anderen Textformen. Es geht um das Verstummen angesichts der Schrecknisse, um Erlebnisse von Soldaten, Propaganda im Staatsfernsehen und anderes. Irritierend findet der Rezensent, dass der Ukrainekrieg zwar implizit allgegenwärtig ist, die Ukraine selbst jedoch kaum vorkommt in den Texten. Gleichwohl hilft der Band dabei, schließt Lehmkuhl, das Gespräch zwischen dem nichtputinistischen Teil Russlands und dem Westen nicht abreißen zu lassen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 09.04.2025
Ein wichtiger Schritt hin zur "Überwindung der Sprachlosigkeit der russischen Gesellschaft" ist dieser von Sergei Lebedew zusammengestellte Band, findet Rezensent Ulrich M. Schmid. Die Texte von insgesamt 25 russischen Autoren und Autorinnen umfassen verschiedene Genres und Perspektiven, von realistischen Darstellungen traumatisierter Kriegsheimkehrer und alltäglicher Gewalt bis hin zu phantastischen Elementen, die die Absurdität der Realität widerspiegeln, so der Kritiker: Lisa Alexandrowa-Sorina erzählt von einem russischen Soldaten, der den Tod einer Mutter und ihres Kindes in einer Explosion miterlebt: von der Mutter bleibt nur die Hand übrig, das Kind hält daran fest. Unfähig von seinen Traumata zu erzählen, beginnt der Soldat stattdessen wild zu lachen, so die Kritikerin, der hier deutlich vor Augen geführt wird, wie der Krieg die Grenze zwischen "tödlichem Ernst und irrer Komik" verschwimmen lässt. Xenia Bukscha stellt in sechzehn Mikro-Biografien dar, wie die in der russischen Gesellschaft tief verwurzelte Gewalt Kinder zu verletzten oder selbst gewalttätigen Erwachsenen werden lässt: "Dann wuchs er auf und wurde Militärstaatsanwalt." Jelena Kostjutschenko fügt dem Band absurde Funde von Ebay-Kleinanzeigen bei, wie Annoncen und Sonderpreise für Grabsteine. All das ist düster und sehr lesenswert, versichert der Kritiker, der hofft, dass diese AutorInnen irgendwann auch wieder in Russland veröffentlichen dürfen.
Rezensionsnotiz zu
Die Tageszeitung, 01.03.2025
Sergej Lebedew wehrt sich in seinem Vorwort gegen die "Kaperung" des Russischen durch "Mörder-Worte", das ist Kritikerin Katharina Granzin zufolge der Motor für diese Anthologie russischer Kriegsgegner, die in der Mehrzahl im Exil leben. Mit großer "literarischer Bandbreite", von Lyrik über Prosa bis zu einem Einakter wird das geschildert, wovon wir in Deutschland eher wenig mitbekommen, das problembehaftete Leben in Russland wird für Granzin etwa in Boris Klads Erzählung, in der der Protagonist und seine Mutter über ziemlich verschachtelte Wege Blumen auf ukrainischen Gräbern ablegen, um nicht verhaftet zu werden. Auch wie die tartarische Autorin Dinara Rasuleva davon erzählt, so zwanghaft mit der russischen Sprache erzogen worden zu sein, dass sie ihre Muttersprache erst als Erwachsene wirklich kennenlernen konnte, macht für die Rezensentin einen wichtigen Beitrag dieses Bandes aus. Eine Zusammenstellung, die Mut macht, dass es in Zukunft eine vielstimmige russische Kultur geben kann, wie sie schließt.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 25.02.2025
Eine wichtige Anthologie russischer literarischer Einwürfe gegen Putins Krieg in der Ukraine liegt hier laut Rezensentin Olga Hochweis vor. Der von Sergej Lebedew herausgegebene Band versammelt, ist zu lesen, Fiktion, Lyrik und Reportageformate. Hochweis geht auf einen Text Darja Serenkos näher ein, der sich mit dem russischen Faschisten Roman Litassow beschäftigt, der gegen die queere Autorin hetzte und später an der ukrainischen Front starb, sowie auf eine Auseinandersetzung Xenia Buschkas mit dem Thema häusliche Gewalt und Krieg. Erzählende Prosa findet die Kritikerin hier ebenso wie journalistische Texte und Lyrik - Lebedew macht so die Vielfalt eines oppositionellen Russlands sichtbar. Literarisch mag nicht alles in diesem Band gelungen sein, meint Hochweis, lesenswerte Perspektiven auf ein Russland jenseits des Putinismus eröffnet das Buch allemal.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 21.02.2025
Was der Titel dieser Anthologie erwarten lässt, bieten die Texte darin nicht, erkennt Rezensent Jörg Plath. Lesenswert sind sie trotzdem. Die in "Nein!" versammelten russischen Autorinnen und Autoren versuchen die Realität in Russland und der Ukraine zunächst auf subjektive Weise zu fassen, nähern sich mühevoll ringend einem Standpunkt an, von dem aus sich Kritik äußern lässt - und von dem aus sie der "Propaganda, dem Nationalismus, der Gewalt" entkommen können, erklärt der Rezensent. Sie erzählen von ihren zerrissenen Familien, von ihrem sterbenden Kindermädchen, vom Hass in sozialen Medien, sie montieren Fakten und Fiktionen, Prosa und Lyrik, schildern ihren Schmerz, und, hier besonders treffend: die Beschädigung der Sprache durch den Krieg. Doch eine fundierte Analyse, ein deutliches, begründetes "Nein!", findet Plath nicht in diesem Band, selbst der Krieg an sich wird kaum direkt erwähnt. Das mag zunächst irritieren angesichts des Titels, wird jedoch verständlicher, wenn man die Lage der Schreibenden bedenkt. Diese Lage, sowie der lange Weg, den die politische und die literarische Opposition noch vor sich haben, wird in oder mit diesem Band offensichtlich, so Plath.