Die Agenda 2010 gilt als Überraschungscoup. Doch der Band zeigt, dass sich die Programmdebatten der SPD seit den 1990er-Jahren in vielen kleinen Schritten dem marktliberalen Zeitgeist annäherten. Wie kam es zur Agenda 2010? Der Verfasser untersucht die wirtschafts- und sozialpolitischen Debatten der SPD seit 1982 und die sukzessive Vorbereitung der Agenda über fast drei Jahrzehnte: Globalisierung und internationale Standortdebatte, Wiedervereinigung und Privatisierungen, demographischer Wandel und Fiskalisierung der Sozialstaatsdiskussion, ein Dritter Weg der europäischen Sozialdemokratie. Die eisern marktliberale Grundstimmung bei Ökonomen, Journalisten und in der Politik fand schließlich auch in den wirtschaftspolitischen Programmaussagen der SPD ihren Niederschlag.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 04.03.2013
Rezensent Dominik Geppert möchte der Argumentation des Autors in Sachen Agenda 2010 lieber nicht folgen. Im Gegenteil, Sebastian Nawrats auf Parteiprogrammen und Zeitzeugengesprächen basierende Darstellung des Wegs zur Agenda 2010 scheint Geppert allzu sehr fokussiert auf veränderte Realitätswahrnehmung. Geppert hätte stattdessen lieber eine detaillierte Analyse der konkreten Rahmenbedingungen (Staatsverschuldung, Wettbewerbsdruck auf den Export etc.) gelesen, auf die die SPD damals zu reagieren hatte. So gesehen wird die Agenda für den Rezensenten dann nicht zum marktliberalen Zugeständnis, sondern zum zeitgemäßen Abschied von ideologischen Wunschwelten zugunsten einer pragmatischen SPD-Politik im Sinn der Programmreform der späten 1950er.
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