Peter Stamm

Seerücken

Erzählungen
Cover: Seerücken
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011
ISBN 9783100751331
Gebunden, 191 Seiten, 18,95 EUR

Klappentext

Peter Stamm erzählt scheinbar so einfach von Leben, die nicht gelebt, die aufgeschoben, erinnert und schließlich verpasst werden. In lakonischen Sätzen und unauffällig stimmungsvollen Szenen findet er leicht lesbar, aber schwer verdaulich die kaum spürbaren Eruptionen, die sich im Rückblick als Erdbeben erweisen. Die Einsamkeit im gemeinsamen Urlaub. Ein verlassenes Hotel in den Bergen. Ein Mädchen im Wald. Ein Pfarrer, der die Vögel füttert. Die erste Liebe mit Gewicht.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 17.03.2011

Sehr gut gefallen haben Rezensentin Judith von Sternburg diese Geschichte des Schweizer Autors Peter Stamm. Meistens geht es in diesen Geschichten ums Scheitern: Ein Wissenstchaftler strandet in einem geschlossenen Hotel oder eine Pianistin erfährt beim Vorspielen, dass sie nicht genug Talent zur Konzertpianistin hat. Stamm erzählt "schnörkellos" und sucht nicht nach Gründen für das manchmal etwas seltsame Verhalten seiner Figuren, so die Rezensentin. Meistens, jedenfalls. Wenn er doch mal ein Happy End wagt, ist Sternburg weniger angetan.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 17.03.2011

Nicht als Heimatautor, sondern als "Autor der Unmöglichkeit jeder Heimat" versteht Rezensent Ekkehard Knörer den Schweizer Schriftsteller Peter Stamm. Damit zielt Knörer auf die Tendenz in Stamms Erzählband "Seerücken", seine Protagonisten dem eigenen Leben zu entfremden, sie in einem beunruhigenderen als nur topografischen Sinne zu entwurzeln. Die kleinen und größeren Erschütterungen, denen sich Stamms Alltagshelden ausgesetzt sehen, künden, so Knörers Diagnose, von einer "grundsätzlichen Kontingenz als Signatur einer unhintergehbaren Gesellschaftsmoderne". Besonderer Erwähnung wert befindet der Rezensent jene beiden Figuren, die sich in die lange Tradition literarischer Gespenstergestalten einreihen ließen: die unmotiviert auftauchende und wieder verschwindende Ana in "Sommergäste" und den Pförtner in "Eismond", der ungeachtet seiner Pensionierung ruhelos auf seinem ehemaligen Arbeitsplatz herumgeistert. Knörer kommt zu dem Schluss, dass Stamms Prosa nicht trotz, sondern gerade wegen ihrer unaufgeregt-sachlichen Übermittlung verstörender Inhalte eine bemerkenswerte Faszination auszuüben vermag.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 16.03.2011

Für sich genommen besticht jede der zehn virtuos komponierten Erzählungen des Schweizers Peter Stamm durch Ernsthaftigkeit und erträgliche Melancholie, findet der Rezensent Michael Allmaier. Immer wieder aufs Neue schickt der Autor sein Personal in zumeist kleinere Niederlagen, die in ihrer Unvermeidlichkeit schicksalhaft werden. Dabei implementiert er kunstvoll Motive des neunzehnten Jahrhunderts in die Lebenswelt des einundzwanzigsten und dekliniert die Möglichkeiten der Novelle durch, erklärt der Rezensent. Dass diese Übertragung nicht restlos aufgeht und die "Charaktere für die klassische Form zu klein, zu alltäglich sind", gehört zum literarischen Verfahren des Autors: durch das Gefälle entsteht eine interessante Spannung, die den Leser bei der Stange hält. Allerdings verliert der Rezensent durch die Anhäufung der planmäßig eingesetzten Überraschung, die stets zu Lasten der Figuren geht, auch langsam die Geduld, und er fragt sich, ob damit nicht auch die Erwartungen des verwöhnten akademischen Lesepublikums bedient werden: "Wäre die Melancholie so leicht erträglich ohne den Trost, besser dran zu sein als diese verwandten Seelen?"

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 14.03.2011

Bei diesem Autor heißt es genau hinsehen. Die Entwicklung von Peter Stamms Prosa kann Rezensent Christoph Schröder nur in Nuancen angeben, in einer geringfügigen Vermehrung der Worte, deren Anzahl allerdings noch immer äußerst knapp bemessen ist, wie der Rezensent feststellt. Die Kunst Stamms liegt für Schröder denn auch in der genauen Dosierung, dem präzisen Arrangement, in der Komprimierung eines ganzen Romans etwa auf wenige Seiten, sowie, und dies ist das inhaltliche Pendant zur Form, im gekonnten Verweis auf die unter der Oberfläche beschriebener Alltagssituationen lauernde psychische Tektonik seiner Figuren. Das alles erscheint Schröder in den vorliegenden Erzählungen konsequenter denn je umgesetzt, unheimlicher in der Wirkung, so wenn das Glück immer wieder an seine Grenzen stößt. Die einzelnen Stücke im Band sieht Schröder vielfach miteinander verwoben, jedoch mit ausreichend Eigenleben ausgestattet.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2011

Von recht unterschiedlicher Güte scheinen Daniela Strigl diese Erzählungen von Peter Stamm zu sein. Gemeinsam ist ihnen außer einer etwas trostlosen, in die erste Geschichte eingegangenen Einsicht über das menschliche Dasein ferner, dass sie sämtlich an einem Happy End vorbeischlittern. Sehr dankbar ist Strigl dem Autor darum für den einen Lichtblick, wenn der Held sein Glück ausnahmsweise mal nicht vermasselt. Allerdings weiß Strigl den Autor als Darsteller des schönen Scheiterns durchaus zu schätzen. So unspektakulär, so sachte scheitern Stamms Figuren und sehen dabei dem ganz anderen, dem möglichen Leben hinterher. Mal ist das vorhersehbar, mal ist es vom Autor allzu breit erläutert, meint Strigl. Im Ganzen jedoch überzeugt sie der Band mit Weisheit, Irritation und Komik.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 10.03.2011

Rezensent Nico Bleutge schätzt Peter Stamm als Experten für das Hinterfragen von Gewohnheiten und Gewissheiten und seinen feinen Blick auf plötzliche, wenn auch mitunter fast unmerkliche Verwerfungen im Alltag, wie sie auch die Protagonisten seines jüngsten Prosabandes allesamt erleben. Die vorsichtigen Annäherungen und Andeutungen an solche Einbrüche des Ungewohnten findet der Rezensent insbesondere dort überzeugend, wo sich der Autor mit Erklärungen und "Kommentaren" zurückhält und sich ganz dem Erzählen überlässt. Dann begeistert er den Rezensenten mit atmosphärisch dichten Beobachtungen und feinsten Andeutungen. Dass Stamm das nicht immer in seinen Geschichten bis zum Ende durchhält, und sich doch zu weiteren Klarstellungen hinreißen lässt, stört Bleutge allerdings und dann schleicht sich bei ihm auch gelegentliche Unzufriedenheit mit der Sprache ein. Plötzlich findet er sprachliche Klischees oder Plattitüden, die mitunter gar in "Kitsch" münden.