Patrick Modiano

Ein Stammbaum

Cover: Ein Stammbaum
Carl Hanser Verlag, München 2007
ISBN 9783446209220
Kartoniert, 128 Seiten, 12,90 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Elisabeth Edl. Patrick Modiano erzählt von seiner unglücklichen Kindheit: Von seiner Mutter, die 1942 nach Paris kommt, um eine Schauspielkarriere zu beginnen. Von seinem Vater, der während der Okkupation als Jude verfolgt wird, ein Lebemann ist und bei zwielichtigen Geschäften immer wieder Geld verliert. Und von der Ehe der Eltern, einer einzigen Fehlentscheidung. Patrick wird in Internate abgeschoben, flieht, wird wieder eingesperrt und bricht schließlich mit seinem Vater. Er schlägt sich mit kleinen Diebstählen durch, bis er ein Buch schreibt, das auf Anhieb ein Erfolg wird.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 23.01.2008

Rezensentin Verena Auffermann findet durchaus interessant, was man aus diesem autobiografischen Bericht des Schriftstellers Patrick Modiano herauslesen kann - nicht nur das Leben dieses "in die biographische Aufrichtigkeit vernarrten Autors" betreffend, sondern auch die französische Gesellschaft seiner Jugendzeit. Insofern ist das Buch in den Augen der Rezensentin ein Beitrag "zur 68er-Debatte und das Porträt einer verstockten Gesellschaft aus französischer Sicht." Modiano erlaubt sich kaum Abschweifungen und erzählt geradlinig seine Geschichte, dem Leser fliegen "Namen, Daten, Buch- und Filmtitel" nur so um die Ohren. Diesen "Sachlichkeitsanspruch" unterläuft der Autor jedoch auch immer wieder durch psychologisierende Einschübe. Sein Elternhaus war jedenfalls ebenso deprimierend wie für seine Zeit ungewöhnlich, seine Autobiografie zeigt nach Meinung der Rezensentin eine "Frühform des Houellebecq-Milieus".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 11.12.2007

"Erstaunlich sinnlich und schön" findet Ina Hartwig diesen autobiografischen Roman, in dem Patrick Modiano von seiner trostlosen Kindheit erzählt. Staunen macht die Rezensentin auch, mit welch Brutalität sich der Autor versagt, sich selbst etwas vorzumachen. Wie Hartwig erzählt, wuchs Modiano als Sohn einer "Schmierenschaupielerin" und eines "opaken Geschäftmachers" auf, die Liebe zu ihrem Sohn geht beiden ab, schon bald schieben sie ihn in ein Internat nach dem anderen ab. Als Dokument der Heimatlosigkeit hat die Rezensentin diese Buch gelesen, dessen "abgeklärte Beiläufigkeit" sie aber nicht darüber hinwegtäuschen konnte, als tief das erlebte Unglück empfunden wurde. Sie zitiert Modiano mit dem Bekenntnis, das sie als sein "abgründigstes" bezeichnet: "Von dem Zeitpunkt an, wo ich zu schreiben begann, habe ich nicht mehr geklaut."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.11.2007

Rezensent Jochen Schimmang hat Patrick Modianos autobiografische Erzählung über seine Kindheit sehr positiv aufgenommen. Er weist darauf hin, dass es sich nicht um eine Autobiografie im engeren Sinn handelt, eher um Modianos "Geschichte seiner Kindheit als Roman", in dem er von seinen emotional kalten Eltern erzählt, die sich bald trennten und ihn in verschiedene Internate abschoben, von der Sprachlosigkeit in der Familie und vom Schweigen. Dabei führe Modiano nur Protokoll, stelle sich Fragen über seine Eltern und seine Kindheit und Jugend. Neben vielen bekannten Motiven aus Modianos bisherigen Werken findet Schimmang die wesentlichen Elemente seines Erzählens wieder. Auch die Sprache des Buchs hat ihn vollauf überzeugt. Er bewundert ihre Kargheit und Schönheit und würdigt den Autor als einen der "größten Stilisten der französischen Gegenwartsliteratur". Mit Lob bedenkt er in diesem Zusammenhang auch die Übersetzung von Elisabeth Edl.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.10.2007

Patrick Modianos Jugendautobiografie "Ein Stammbaum" über seine Jahre von 1945 bis 1966 wirkt auf Rezensent Martin Krumbholz bedrückend. Dem Klappentext, der Modianos "schönstes Buch" ankündigt, widerspricht er entschieden, hält er es "allenfalls" für dessen "traurigstes". Die Schilderung von Kindheit und Jugend vermittelt für ihn den Eindruck eines Menschen, der unter dem elterlichen Desinteresse und Verlassensein leidet, müde Leben simuliert, sich aber am Ende aus der von den Eltern verursachten "Totenstarre eines Gefühls der Verneinung" lösen kann. Krumbholz findet in dem Werk zahlreiche Motive, die auch in den Romanen und Erzählungen des Autors wiederkehren. Insofern scheint ihm das Buch überaus erhellend. Zudem ist es für ihn "höchst aufschlussreich" zu sehen, "wie angestrengt und verzweifelt ein begabter Autor sein eigenes Leben behandelt, sobald die Maske der Fiktion kassiert wird".