Barbara Honigmann

Chronik meiner Straße

Cover: Chronik meiner Straße
Carl Hanser Verlag, München 2015
ISBN 9783446247628
Gebunden, 160 Seiten, 16,90 EUR

Klappentext

Barbara Honigmann lebt in Straßburg, weit weg vom berühmten Zentrum. Hier gibt es keine Parks, kein Europaparlament und keine Kathedrale. Was es gibt, ist Vielfalt: orthodoxe und weniger orthodoxe Juden, einen dreibeinigen Hund, eine ältere Dame, die nicht zurückschreckt vor der Bepflanzung fremder Balkone, einen dunkelhäutigen Priester in weißem Gewand und einen Splitternackten mit dem Po in der Sonne. Barbara Honigmann begegnet in ihrer Straße der ganzen Welt im Kleinen, erfährt von Tragödien, schließt Freundschaften, stellt sich den Enttäuschungen, aber auch Träumen ihrer Nachbarn.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 30.07.2015

Barbara Honigmann erzählt in "Chronik meiner Straße" von dem Alltag in einer oft etwas abschätzig betrachteten Gegend von Straßburg, der Rue Edel, in der viele Zugezogene leben, vor allem Juden und Muslime, berichtet Gabriele von Arnim. Honigmann war nach Straßburg gezogen, weil ihre orthodox marxistischen Eltern in Ost-Berlin mit dem Judentum nicht mehr viel am Hut hatten, sie aber gerne ein religiöses Leben führen wollte, erfährt die Rezensentin. Die Autorin erzählt Anekdoten aus dem Alltag der multikulturellen und -konfessionellen Straße, vom gelebten Judentum abseits der andauernden Antisemitismus-Diskussion, und schafft es immer wieder, das Allgemeine - menschliche und historische - beiläufig einzubinden, lobt von Arnim.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 06.05.2015

Jürgen Verdofsky scheint tief berührt von den unaufgeregten, mitunter leicht ironischen Beobachtungen, die Barbara Honigmann von ihrem "Schreibtisch-Balkon" aus über ihre Straße in der Nähe von Straßburg notiert. Er spürt, wie die Fluchtgeschichte und das dauernde Fremdsein der Autorin und ihrer Familie hier an ein Ende kommen und die Autorin die bunte Mischung der Zugewanderten, Juden, Araber, Türken, Kurden, Pakistani, Iraner, Afrikaner und Asiaten in ihrer Gegend nun in Ruhe betrachten kann. Kein Savoir-vivre, eher Überleben und die Erinnerung daran, wie es war im Juden-Ghetto und im Lager bestimmen die aufgezeichneten Geschichten, erklärt der Rezensent. Lebensklugheit und Toleranz sprechen für Verdofsky aus diesem Buch, das ihm davon erzählt, wie es sein könnte, ein Leben miteinander.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.04.2015

Rezensentin Wiebke Porombka erkennt an diesem kleinen Buch mit seinem so unspektakulär erscheinenden Thema rasch mehr als die Geschichte einer Straße irgendwo in Straßburg. Das liegt an Barbara Honigmanns persönlicher Geschichte, aber auch an etwas spezifisch Jüdischem, wie Porombka feststellt: dem Leben in der Vorläufigkeit, wie es die Autorin hier laut Rezensentin auf vermeintlich beiläufige Weise recht detailliert darstellt. Das Schwere hinter dem Leichten, eine Philosophie des Ankommens hinter einer gewöhnlichen Straßenansicht mit Kindergarten und Motorenlärm und Dealern, wird für Porombka sichtbar, ein kleines Denkmal und ein Stück Geschichte des 20. Jahrhunderts, meint sie.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.04.2015

Ein wunderbares Stück Literatur kann Rezensentin Beatrice von Matt mit Barbara Honigmanns "Chronik meiner Straße" empfehlen. Erstaunt folgt die Kritikerin der seit Jahrzehnten in Straßburg lebenden Autorin durch ihre Straße, in der verschiedenste Nationalitäten, etwa Russen, Araber, Rumänen, Portugiesen, Chinesen, Türken, Kurden oder Inder ebenso friedlich nebeneinander leben wie Mütter und Dealer, viele von einer Zukunft in einer besseren Gegend träumen und doch "Momente der Freundschaft", etwa auf dem Marktplatz oder beim alljährlichen gemeinsamen Picknick, erleben. Nicht zuletzt liest die Rezensentin hier eine in "nüchtern-elegischem" Tonfall geschriebene Geschichte über jüdisches Leben im heutigen Europa und bewundert das Vermögen der Autorin, die sich selbst auf die Suche nach ihrem "verlorenen Judentum" begab, ganz urteilsfrei, bisweilen humorvoll von den unterschiedlichen Schicksalen zu erzählen.