Reinhart Baumgart

Damals

Ein Leben in Deutschland 1929-2003
Cover: Damals
Carl Hanser Verlag, München 2004
ISBN 9783446204515
Gebunden, 384 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Reinhard Baumgart erzählt die Geschichte seines Lebens von den Anfängen in Schlesien und des Jahrhunderts, über die Flucht in den Westen bis zu seiner Begegnung mit Thomas Mann und der Gründung der Gruppe 47. Die lebendige Lebens- und Literaturgeschichte eines Schriftstellers, der sich seinen unabhängigen Blick bewahrt hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.06.2004

Thomas Steinfeld vergleicht den im letzten Jahr verstorbenen Literaturkritiker Reinhard Baumgart mit einem Murmelspieler, der einen Text behutsam in die Hand nimmt, betrachtet, hin- und herwiegt und sie bzw. ihn dann ebenso lässig wie vorsichtig ins Spiel wirft. Noch bevor er starb, hatte Baumgart seine Autobiografie beenden können, und, wen wundert's, auch sein eigenes Leben habe Baumgart wie eine Murmel betrachtet, meint Steinfeld: erstaunt über soviel Zufälliges, Glückliches, Eigenartiges. Kein Literaturkritiker konnte so schreiben wie Baumgart, schwärmt der Kollege Steinfeld, für dessen Zeitung auch Baumgart als Kritiker tätig war. Baumgart schrieb ausgesprochen elegant, sachlich, selten heftig; diesen sparsamen, vorsichtigen Stil findet Steinfeld auch in Baumgarts Autobiografie wieder, die von einem gelungenen und von Toleranz geprägten Leben zeuge. Wie eine Murmel, sinniert Steinfeld, die immer an die richtige Stelle gerät. Alle sieben Jahre habe Baumgart seine Existenzform geändert: er wechselte vom Lektorat in die Schriftstellerei, vom Autor zum Kritiker, vom Kritiker zum Filmemacher zum Dozenten, und jeder Wechsel vollzog sich mit erstaunlicher Sachlichkeit. Einzig mit dem Kapitel über die zerbrochene Freundschaft zu Jürgen Habermas bleibt Steinfeld unzufrieden bleibt. Da steckt mehr dahinter, vermutet er.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 01.06.2004

Am 2. Juli des vergangenen Jahres ist der Literaturkritiker Reinhard Baumgart überraschend gestorben, kurz zuvor hatte er, wie Andreas Nentwich berichtet, seine Lebenserinnerungen abgeschlossen. Der Rezensent kann sich trotzdem des Eindrucks nicht erwehren, dass sie "das Stadium letzter Hand" noch nicht erreicht hatten. Die Autobiografie Baumgarts präsentiert sich für Nentwich überraschenderweise als eine "gänzlich uneitle Hinterlassenschaft" - ganz anders, als er sich die Erscheinung des umtriebigen Literaturwissenschaftlers in Erinnerung ruft, der auf ihn immer sehr eloquent und ein bisschen eitel gewirkt hat. Stattdessen vermittle die Autobiografie Unruhe und Ungenügen, eine andauernde Irritation über einen geglückten Lebensweg. Dem Jahrgang Baumgarts, der 1929 in der Nähe von Breslau zur Welt gekommen ist, Flucht, Vertreibung, Neuanfang erlebte, sei der Skeptizismus ins Blut übergegangen, erklärt Nentwich, er sei "ideologieresistent" gewesen. Die Lust auf Machtausübung war gehemmt, was sich auch auf die Karriere Baumgarts, der viele Posten ausschlug, Auswirkungen hatte,. So richtig zu sich fand Baumgart nur im Schreiben über andere, auch hier ein "Beiseitesteher", der auf diese Weise zum literarischsten aller Kritiker wurde, aber selber nie ein Literat war. Die Autobiografie scheint dieses Urteil Nentwichs noch einmal zu bestätigen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 30.04.2004

Keine Frage, der Mann hat einiges erlebt - wie so viele aus Baumgarts Generation, was nach Ansicht des Rezensenten Walter Hinck erklärt, warum die Autobiografie für viele von ihnen zur Königsdisziplin wurde. Baumgart, Jahrgang 1929, sei einer, der den Katastrophen der deutschen Geschichte entgehen konnte - "Glück gehabt" sei ein Leitmotiv seiner Erinnerungen. Dabei habe Baumgart rückblickend nichts aus seiner Jugendzeit geschönt, die glückliche Fügung begleitete ihn einfach sein Leben lang: im Bombenhagel von Dresden genauso wie in seiner Laufbahn als Schriftsteller, Lektor und "Säule der deutschen Literaturkritik", ebenso im Privatleben. "Ein homme de lettres war er und ein Flaneur, ein Gourmet auch der Literatur", schreibt Hinck und lobt die "zugleich sinnliche und luzide Prosakunst", mit der Baumgart die Begegnungen und Begebenheiten seines Lebens aufleben lässt. Nur manchmal, wenn der literarische Lebemann beispielsweise ganz unironisch von den Sternerestaurants berichtet, die er besuchte, hatte der Rezensent das Gefühl, es ging ihm vielleicht ein wenig zu gut.

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 21.02.2004

Den verschlungenen Lebensweg des im letzten Jahr verstorbenen Kritikers, Essayisten und Schriftstellers Reinhard Baumgart nachzuzeichnen, will Rezensent Gerrit Bartels gar nicht erst versuchen. Denn gerade darin bestehe Baumgarts ganz besondere Eigenart, so wie sie in seinen Erinnerungen zutage trete: selbst teilweise von der eventuellen Sinnfälligkeit des eigenen Werdegangs ausgeschlossen zu scheinen, was sich auch im stellenweisen - überraschenden und überraschten - Sprung von der ersten zur dritten Person äußere. Diese Aufzeichnungen stellen demnach den Versuch dar, so der Rezensent nach Baumgart, "ein Rätsel nachzuerzählen, meine stete und störrische Verweigerung jedweder zielbewussten Lebensplanung". Doch Baumgarts Unstetheit (und deren Bewältigung) lässt ihn nichts auslassen, lässt ihn alles "ausdifferenziert" aufschreiben, was dem Rezensenten gerade in der Schilderung der Nazi-Zeit sehr wertvoll erscheint, die Baumgart als "rasend beschleunigte Geschichte" bezeichnet und die Schwierigkeit, sie inmitten dieser Beschleunigung zu erfassen, greifbar macht. Und gerade diese Qualität der Ausdifferenzierung ist es für den Rezensenten, die Baumgart zeitlebens zum "Entdecker" machten, der sich fernab von der "Literaturkanzel" bewegte und die Kritik als Ort der "Ambivalenz" sah und betrieb. Ein "schönes, klarsichtiges und bewegendes literarisches Zeugnis", so das ausgesprochene Lob des Rezensenten.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 19.02.2004

Ursula März' eingehende Besprechung der postum erscheinenden Autobiografie des Kritikers und Schriftstellers Reinhard Baumgart entpuppt sich vor allem als einfühlsamer Nachruf, in dem sie den Autor als einen der wichtigsten Literaturkritiker und Intellektuellen Deutschlands würdigt. Die Lebenserinnerungen mit dem Titel "Damals. Ein Leben in Deutschland 1929 - 2003." allerdings hält die Rezensentin zwar für sein für ihn "wichtigstes", allerdings nicht für sein "bestes" Buch. Die Gründe dafür liegen nach Ansicht von März in der "diskreten, distinguierten Haltung", mit der Baumgart sich und die in seinem Leben wichtigen Menschen behandelt, die, wie die Rezensentin kritisiert, sich als "noble Mattheit" über den Text legt. Besonders das erste Drittel der Autobiografie, das sich mit den Kindheitserinnerungen in Breslau bis zur Flucht nach Bayern beschäftigt, erscheint März "recht langatmig und merkwürdig ungriffig". Ihr ist aufgefallen, dass Baumgart von "rhetorischen Stilmitteln" allzu viel Gebrauch macht, was "leider bis zur Floskelhaftigkeit" reicht, wie sie beklagt. Bei aller Kritik macht die Rezensentin aber am Ende noch einmal unmissverständlich klar, welcher Verlust der Tod Baumgarts für die Literaturlandschaft in Deutschland bedeutet: "Seine Stimme fehlt tatsächlich", so März mit Nachdruck.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 19.02.2004

Ein exemplarisch deutsches Leben will der Autor und Kritiker Reinhard Baumgart in seiner Autobiografie erzählen und irgendwie gelingt es ihm auch, meint Iris Radisch, "etwas Grundsätzliches über diese allererste Nachkriegsgeneration", den Jahrgang 1929, zu sagen. Baumgart, der im Literaturbetrieb im Laufe seines Lebens beinahe jede Rolle einmal ausgefüllt hat - vom Lektor und Schriftsteller über den Verbandsfunktionär bis zum Professor -, schildere "beherzt und entwaffnend feizügig" seine intellektuellen Entwicklung, der die Kriegsjahre merkwürdig wenig anhaben konnten, weil er sich beinahe unbeeindruckt in die Literatur flüchtete, berichtet die Rezensentin, die die Autobiografie denn auch wesentlich als Zeugnis einer "Emigration in den Gleichmut" gelesen hat. Wer indessen im Rückblick des Kritikers erwartet, intime Bekanntschaft mit der Geschichte der deutschen Nachkriegsliteratur zu machen, wird weitestgehend enttäuscht, merkt Radisch an: "Die Begegnungen mit den Helden der bundesrepublikanischen Hochkultur jedenfalls... gehen über das besonnt Anekdotische selten hinaus."