Annie Ernaux

Die Jahre

Roman
Cover: Die Jahre
Suhrkamp Verlag, Berlin 2017
ISBN 9783518225028
Gebunden, 255 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Aus dem Französischen von Sonja Finck. Kindheit in der Nachkriegszeit, Algerienkrise, die Karriere an der Universität, das Schreiben, eine prekäre Ehe, die Mutterschaft, de Gaulle, das Jahr 1968, Krankheiten und Verluste, die so genannte Emanzipation der Frau, Frankreich unter Mitterrand, die Folgen der Globalisierung, die uneingelösten Verheißungen der Nullerjahre, das eigene Altern. Anhand von Fotografien, Erinnerungen und Aufzeichnungen, von Wörtern, Melodien und Gegenständen vergegenwärtigt Annie Ernaux die Jahre, die vergangen sind. Und dabei schreibt sie ihr Leben - unser Leben, das Leben - in eine völlig neuartige Erzählform ein, in eine kollektive, "unpersönliche Autobiografie".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2017

Peter Urban-Halle gefällt der soziologische Blick, mit dem Annie Ernaux die eigene Geschichte betrachtet. Ihre persönliche Entwicklung zwischen 1945 und 2007 erweitert die Autorin so zum gesellschaftlichen und politischen Panorama Frankreichs und der Welt, findet Urban-Halle. Wir sind nicht allein, dieser Satz leuchtet ihm ein beim Lesen von Ernaux' von Familienfotos ausgehenden Erinnerungen an Ereignisse und Aufzählungen von Lebensmomenten. Das Reflexive und Erzählerische daran gefällt dem Rezensenten am besten. Aber auch die im sachlichen Stil a la Bourdieu und in der Komposition a la Eribon gefassten soziologischen Untersuchungen französischer Zustände von der Nachkriegszeit bis zu Sarkozy faszinieren Urban-Halle. Eine Mentalitäts- und Emotionsgeschichte und eine Geschichte des Alterns, meint er.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 10.10.2017

Wenn man schon auf sonst nicht vieles zählen kann - eines ist doch verlässlich: Die Zeit. Sie ist die "eigentliche Heldin" in Annie Ernaux' hervorragendem Roman "Die Jahre", erklärt Rezensentin Meike Feßmann. Hervorragend im wahrsten Sinne des Wortes, denn dieses Buch kann als Extrakt und als Höhepunkt von Ernaux' gesamtem Ouevre verstanden werden, meint Feßmann. Begeistert ist die Rezensentin von der Entscheidung der Autorin, niemals von sich als "Ich" zu sprechen, sondern stets in der dritten Person: damit betont sie die Passivität, die Machtlosigkeit des Subjekts gegenüber entscheidenden Einflüssen von Außen, dem sie große Bedeutung zuspricht, so die Kritikerin. Im Inneren, im Kleinen zeigt sich ihr das Äußere, das Große - so verhält es sich in Bezug auf Umwelt und Subjekt und so verhält es sich auch in Bezug auf Gesellschaft und allen ihren nächst kleineren Einheiten, vor allem den Familien: Historische Veränderungen werden bei Ernaux nur in ihren Auswirkungen auf Gruppen, Familien und Einzelpersonen sichtbar, was für Feßmann eine Bescheidenheit und Behutsamkeit der Autorin offenbart, die sie sehr schätzt.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 10.10.2017

Rezensent Klaus Bittermann kann sich Didier Eribons Lobeshymnen über Annie Ernauxs autobiografisch geprägtes Panorama der französischen Gesellschaft nur anschließen. Schnell verfällt der Kritiker der "dezenten" Poetik der Autorin, die ihn in ihrem nach neun Jahren endlich auch auf Deutsch erschienenen Buch auf einen Streifzug von den Fünfzigern bis in die nuller Jahre mitnimmt und dabei laut Bittermann so gekonnt Persönliches mit gesellschaftlichen Ereignissen verquickt, dass bei dem Rezensenten unweigerlich eigene Assoziationen freigesetzt werden. Er liest hier von der Algerienkrise, den Bomben der OAS in Paris, dem Attentat auf de Gaulle oder den 68ern, erlebt Hoffnung, Enttäuschung und zunehmende Melancholie nach der Jahrtausendwende und staunt, wie ähnlich sich eine Jugend in Frankreich und Deutschland doch waren. Ein wunderbares "Kaleidoskop" der Erinnerungen, schließt der Kritiker.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 08.10.2017

Es mussten wohl erst Didier Eribon und Edouard Louis kommen, damit sich auch hierzulande jemand fand, Annie Ernauxs biografischen Roman "Die Jahre" knapp zehn Jahre nach seinem Erscheinen in Frankreich zu veröffentlichen, glaubt Rezensentin Anna Vollmer. Zu Unrecht, fährt die Kritikerin fort, denn Ernaux gelinge das Kunststück, private Erinnerungen in eine gesellschaftliche Erzählung zu verwandeln. Gebannt folgt die Rezensentin der Autorin bei ihrem melancholischen Rückblick auf das vergangene halbe Jahrhundert, erlebt wirtschaftlichen Boom und Überdruss, sexuelle Unterdrückung und Befreiung und bewundert die eindringlichen und lange nachhallenden Bilder und Sätze, die Ernaux für ihre Erlebnisse findet. Bewegt liest Vollmer zudem, wie die Autorin von der gemeinsamen Zeit mit ihrer an Alzheimer erkrankten Mutter erzählt. Nicht zuletzt staunt die Rezensentin über den vorausschauenden, nostalgiefreien kritischen Blick der Autorin auf die Gesellschaft. Ernauxs präzisen Beobachtungen nimmt Vollmer die gelegentliche "einseitige Fortschrittskritik" nicht übel.