Warum kapern Menschen ein Flugzeug und stürzen sich mitsamt der übrigen Insassen in den Tod? Die Anschläge des 11. September wurden weithin als islamischer Akt der Selbstopferung gedeutet. Navid Kermani geht in diesem Buch der Frage nach, inwiefern solche Selbstmordanschläge wirklich der islamischen Tradition entspringen oder ein spezifisch modernes Phänomen sind. Um sie zu beantworten, analysiert er die Idee der Selbstopferung im islamischen wie im westlichen Denken. Nietzsche, so Navid Kermani, trage mehr dazu bei, den 11. September zu verstehen als der Koran.
Rezensionsnotiz zu
Die Zeit, 14.11.2002
Zu ähnlichen Ergebnissen wie der tunesische Intellektuelle Abdelwahab Meddeb in seinem Buch "Die Krankheit des Islam" kommt auch Navid Kermani in "Dynamit des Geistes", berichtet Rezensent Otto Kallscheuer. Wie Meddeb habe Kermani in seinem Buch "Dynamit des Geistes" zwar keine sozialwissenschaftliche Erklärung des islamistischen Hasses anzubieten, wohl aber eine Warnung vor Fehldiagnosen: Der neue Islamismus darf nach Kermani nicht als genuines Produkt der islamischen Tradition verstanden werden, sondern als ihre reaktionäre, pervertierte Fehlkopie, hält der Rezensent fest. Im Zentrum von Kermanis Buch steht eine Analyse von Selbstmordattentätern, beginnend mit einer "brillanten Skizze" des Märtyrerkults der Schia. Mit dieser Erinnerung an Erlösungesmotive und Liturgien der iranischen Religionsgeschichte beseitige Kermani Fehldeutungen des 11. Septembers. Das Twin-Tower-Massaker nämlich folgt für Kermani der Dramaturgie des Big Event, und er entlarvt es, so Kallscheuer, als "futuristische Heilslehre der Selbstvernichtung im Kampf gegen die Abstraktion gegen die Moderne". Bedauerlich findet der Rezensent in diesem Zusammenhang nur, dass der "branchenübliche Hinweis", die "manichäische Rhetorik" des Westens sei zu bin Ladens Botschaft "spiegelbildlich" (Kermani), auch bei Kermani nicht fehle.
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