Nancy Fraser, Axel Honneth

Umverteilung oder Anerkennung?

Eine politisch-philosophische Kontroverse

Klappentext

In diesem Band wird jene heute breitgeführte Diskussion fortgesetzt, die sich im Rahmen der politischen Philosophie mit dem Begriff der Anerkennung und seinem Verhältnis zur Gerechtigkeitstheorie beschäftigt. Nancy Fraser vertritt die These, dass eine politisch-philosophische Konzentration auf die Anerkennungsbegrifflichkeit die Folge hat, die nach wie vor brisanten Umverteilungsfragen in den Hintergrund treten zu lassen; demgegenüber möchte Axel Honneth zeigen, dass sich Fragen der Verteilungsgerechtigkeit normativ besser klären lassen, wenn sie im Rahmen eines hinreichend ausdifferenzierten Anerkennungskonzeptes reformuliert werden. Die durch diese Entgegensetzung gekennzeichnete Fragestellung wirft eine Reihe von politischen, gesellschaftstheoretischen und normativen Fragen auf, die in diesem Band kontrovers behandelt werden.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 25.09.2003

Andreas Cremonini hat diesen Band über Gerechtigkeit im Spannungsfeld zwischen Umverteilung und Anerkennung mit großem Interesse gelesen. Seiner Ansicht nach haben die in dem Buch enthaltenen vier Texte nach "gut philosophischer Tradition" das Große, Ganze im Blick. Fraser verlange eine "Theorie sozialer Gerechtigkeit", die sowohl die marxistische Forderung nach Umverteilung, als auch die nach "Anerkennung" kultureller Verschiedenheit berücksichtige, fasst der Rezensent zusammen. Die Autorin hält "paritätische Partizipation" an den Entscheidungsprozessen der Gesellschaft über Gerechtigkeit für unumgänglich, so der Rezensent, der anerkennt, dass sich dies in "realpolitischen Konfliktszenarien" auch als nützlich erweisen könnte. Allerdings kann er auch die Kritik Honneths nicht von der Hand weisen, der anmerkt, dass Fraser die "sozialen Pathologien" der Gesellschaft in ihrer These nicht ausreichend berücksichtigt und damit Gefahr läuft, "unkritisch herrschende politische Ausschluss- und Verwerfungsmechanismen" zu übernehmen. Allerdings findet der Rezensent, dass die "fundamentalphilosophischen Darlegungen des Autors hier durchaus etwas "weltfremd" wirken. Am Ende der Lektüre beschleicht den etwas erschöpft wirkenden Cremonini der "Verdacht", dass in diesem Buch die äußerst kenntnisreichen Kontrahenten sich "auf hohem Niveau und mit rhetorischem Pathos aneinander vorbeibewegen".

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.05.2003

Nancy Fraser und Axel Honneth diskutieren in ihrem gemeinsamen Buch "Umverteilung oder Anerkennung?" die Frage, welcher normativen Kategorie bei der Interpretationen des Politischen und des Sozialen die zentrale Rolle zukommt, weiß Herlinde Pauer-Studer, deren Rezension beim besten Willen nicht als Musterbeispiel für elegante Formulierung und Verständlichkeit dienen kann. Während Fraser dafür plädiere, Anerkennung und Umverteilung als gleichwertige, aber getrennte Standards zu behandeln, vertrete Honneth die These, dass ein Konzept der Anerkennung auch ökonomische Benachteiligungen transparent mache. Pauer-Studer wirft den Autoren vor, analytisch ungenau zu argumentieren und damit gegenseitige Missverständnisse zu provozieren. Zudem empfiehlt sie ihnen etwas mehr Kant als Hegel, schließlich stehe und falle die Gerechtigkeit einer Gesellschaft mit der rechtlichen Struktur ihrer Institutionen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 07.04.2003

"Gut aneinander vorbeigeredet" hätten Fraser und Honneth in diesem Band - dies ist, so sagt es uns schon ihre Überschrift, der Tenor von Gustav Falkes insgesamt aber wohlwollender Besprechung. Aneinender vorbei redeten, mit den beiden Protagonisten, aber vor allem die mit ihrer beider Grundbegriffen - Umverteilung und Anerkennung - verbundenen "Theoriesprachen". Nancy Fraser fürchtet, kurz gesagt, wie wir von Falke erfahren, dass in den USA über dem Kampf um die Anerkennung weicher, kultureller Unterschiede der Blick für harte, soziale Ungleichheiten verloren geht. Honneth hält, ebenso kurz zusammengefasst, dagegen, dass die Theoriesprache der "Anerkennung" heute besser geeignet sei, die politischen Forderungen des Tages philosophisch zu begründen. Beide, meint nun Falke, hätten damit "recht und unrecht zugleich". Auf ihrem jeweiligen Gebiet nämlich hätten sie recht. Wo sie auf das des anderen überzugreifen versuchen, dagegen unrecht. Aus Frasers Sicht könne man sagen, "dass Honneth nicht verstanden hat, was Politik ist". Um politisch zu sein, müsse ein Anspruch "zu Initiative und Bewegung werden". Und Fraser habe, umgekehrt, "nicht begriffen, was (in Deutschland) Philosophie heißt". Falke meint darum, "Philosophie und Politik hätte der Band heißen sollen". Vielleicht wäre "Was eigentlich heißt heute 'Politische Philosophie'?" noch besser gewesen?
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