Russland ist keine Weltmacht mehr. Doch es muss Weltpolitik betreiben, um sich selbst zu erhalten. Seine Grenzen stoßen an Europa, China und die kaukasische Krisenregion. Moskau kämpft gegen islamistische Rebellen und aufsässige Regionen. Über 100 Völker sollen eine Einheit bilden, aber diese scheint unerreichbar. Wladimir Putin stärkt die Zentralmacht auf Kosten der Provinzen. 1999 hat er einen Krieg gegen den Terrorismus ausgerufen und verstört dabei Russlands Muslime. Putin steht in einer langen Tradition: Alle russischen Herrscher strebten vergeblich nach Einheit - bis heute. Viele Völker Russlands gliedern sich nicht ein, sondern suchen ihre herrschaftsfreie Nische. Was hält das riesige Land zusammen?
Die Politik Russlands wird bis heute vom Konflikt zwischen den Provinzen und der Zentrale bestimmt, einem Konflikt, den der russische Staatspräsident Putin nicht nur mit Diplomatie, sondern auch mit Gewalt zu lösen sucht. Michael Thumanns Monografie "Das Lied von der russischen Erde" präsentiert Putin im Unterschied zum Gros der deutschen Russlandspezialisten und Außenpolitiker nach Ansicht von Rezensent Wolfgang Templin nicht einfach als effizienten Modernisierer, der Korruption und Chaos erfolgreich bekämpfe, sondern als machtbewussten Strategen, der mittels populistischer Parolen erneut das Land als Weltmacht beschwöre. Um Putins Leistungen zu verdeutlichen, widme Thumann dem Kampf zentralistischer und föderativer Tendenzen in der russischen Geschichte und der Sowjetunion als "Laboratorium der Völkerfreundschaft" jeweils eigene Kapitel. Er analysiere Putins Antwort auf das Streben nach Autonomie seitens Provinzen wie Tschetschenien, Tatarstan oder Jakutien und zeige die Grenzen des russischen Zentralismus auf. Als "wesentlichen Vorzug" von Thumanns Buch lobt Templin, dass der Autor bei aller Skepsis gegenüber dem Putinschen Erfolgsmodell die Frage nach dem Schicksal seiner Politik nicht endgültig zu beantworten suche. "Die Deutlichkeit des Blickes und des Fragens", so Templin abschließend, "kann jedoch allen an diesen Themen Interessierten weiterhelfen."
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 16.11.2002
Spannend findet Markus Ackeret dieses Buch über die Schwierigkeiten der russischen Machthaber, die vielen Völker und Ethnien, die innerhalb der Grenzen des Landes leben, zu einigen. Dabei stellt der Autor Michael Thumann, ehemaliger Korrespondent der Zeit, auch die Frage, inwiefern die Regierung wirklich versucht, einen Nationalstaat für alle Ethnien und religiösen Zugehörigkeiten zu schaffen oder ob es doch in erster Linie um eine "Nation der - mehrheitlich orthodoxen - Russen" geht. Vor diesem Hintergrund ist auch seine Einschätzung des Tschetschenien-Konfliktes zu verstehen, der für Thumann in erster Linie ein "Produkt der Moskauer Elite" ist, schreibt Ackeret. Auch sonst blicke der Autor durchaus kritisch auf Putins Erfolge, was aber der Ausgewogenheit seiner Schilderung nach Meinung des Rezensenten keinen Abbruch tut. Nicht zuletzt lobt Ackeret auch die "sprachliche Prägnanz" und den unsentimentalen "geschärften Blick" des Autors.
Julian Barnes: Abschied(e) Aus dem Englischen von Gertraude Krueger. Julian Barnes wird im Januar 2026 achtzig Jahre alt. Er weiß, dass die längste Zeit seines Lebens hinter ihm liegt, und er möchte… Dorothee Elmiger: Die Holländerinnen Mit blinkenden Warnlichtern fährt die Erzählerin, eine namenlose Schriftstellerin, an den Straßenrand, als ein unerwarteter Anruf sie erreicht. Am Apparat ist ein gefeierter… Elias Hirschl: Schleifen Franziska Denk wächst im Umfeld des Wiener Kreises auf und leidet als Kind an einer seltsamen Krankheit: Jedes Symptom, von dem sie hört oder liest, bekommt sie sofort. In… Leila Slimani: Trag das Feuer weiter Aus dem Französischen von Amelie Thoma. Mia, erfolgreiche Schriftstellerin in Paris, kämpft mit "brain fog", einem Gehirnnebel, der ihre Erinnerungen und ihre Arbeit beeinträchtigt.…