Gerd Koenen

Der Russland-Komplex

Die Deutschen und der Osten 1900-1945
Cover: Der Russland-Komplex
C. H. Beck Verlag, München 2005
ISBN 9783406535123
Gebunden, 528 Seiten, 29,90 EUR

Klappentext

Seit dem Mittelalter hat der "Osten" immer wieder die Phantasie der Deutschen entzündet. Am Ende des 19. Jahrhunderts und in der Epoche der beiden Weltkriege entstand geradezu ein Russland-Komplex , der eine deutsche Ostorientierung noch einmal zu einer ernsthaften Alternative für den "langen Weg nach Westen" (Heinrich August Winkler) werden ließ. Die siegreiche Oktoberrevolution schien nicht wenigen Zeitgenossen nur der Auftakt zu noch größeren Ereignissen zu sein, und es waren keineswegs nur Kommunisten, die in einer engen Zusammenarbeit mit dem bolschewistischen Russland eine Chance für Deutschland sahen, dem Diktat der Siegermächte von Versailles möglichst bald zu entkommen. Gleichzeitig aber brachen sich auch rassistische Ressentiments gegen Slawen und besonders die Ostjuden immer wieder Bahn. Am Ende dieser Epoche beherrschen dann mit den "Lebensraum"-Konzepten der Nationalsozialisten Expansions- und Vernichtungspläne den deutschen Russland-Komplex .

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.02.2006

Wolfgang Templin preist Gerd Koenens Studie der deutschen Sicht Russlands in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts für das darin vermittelte "komplexe Bild", das sich von Bewunderung für die "slawisch-russische Seele", über eine "partnerschaftlich-konkurrierende Russlandfixierung" bis zu der Rassenideologie der Nazis, die nach weit reichender Kooperation mit der Sowjetunion später in den slawischen Völkern nur noch zukünftige Sklaven sahen, erstreckt. Hier löst der Autor den einseitigen Blick auf eine vermeintlich fortwährende "Russenfeindschaft", die die "landläufigen Vorstellungen" beherrscht, auf und vermittelt stattdessen ein sich ständig veränderndes Verhältnis der Deutschen zu den Russen, lobt der Rezensent. Insbesondere in den Beziehungen zwischen den Nationalsozialisten zum stalinistischen Russland könne Koenen ein "ambivalentes Verhältnis" nachweisen, und zeigen, dass die von Ernst Nolte behauptete "Bolschewistenfurcht" keineswegs von Anfang an bestanden habe, so Templin zustimmend. Er würde sich einen zweiten Band zu dieser Studie wünschen, die sich mit der Zeit nach dem zweiten Weltkrieg gründlich befasst, denn er ist von dem kurzen Blick, den der Autor auf das angeblich normalisierte Verhältnis der Deutschen zu den Russen nach 1989 wirft, keineswegs überzeugt. Davon abgesehen aber ist der Rezensent von diesem Band sehr eingenommen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.12.2005

Angeregt lässt sich die Koryphäe der deutschen Geschichtswissensschaft Heinrich August Winkler vom Spiel der Ideen forttragen, wie es Koenen offensichtlich in seinem neuen Buch nachzeichnet. Seine Stärken scheint das Buch demnach vor allem in den Kapiteln über die Weimarer Zeit zu haben. Beifällig resümiert Winkler die Grundeinsicht Koenens, dass der eigentliche Antibolschewismus viel eher eine Sache der Sozialdemokratie und der politischen Mitte als etwa der extremen Rechten war. Für sie hieß nach Winkler "von Lenin lernen siegen lernen". Mit den Kommunisten teilte man den antiwestlichen Reflex. Selbst für Hitler, so Winkler, war der Antibolschewismus nicht so wesentlich wie der Antisemitismus. Der einzige Vorwurf, der Winkler gegen Koenens "glänzend geschriebenes" Buch einfällt, liegt in Koenens ideengeschichtlichem Ansatz begründet. Der "Nationalbolschewismus" etwa war die Sache einer extrem kleinen intellektuellen Minderheit, argumentiert Winkler, während in der breiten Masse der Bevölkerung und auch in der Rechten die Angst vorm Kommunismus doch überwog.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.11.2005

Um es gleich vorweg zu sagen: Nur die Prämissen hält Hans-Erich Volkmann an diesem Buch für falsch, alles weitere erscheint ihm überaus lesenswert. Aber der Reihe nach: Gerd Koenen will in seiner neuen Arbeit zeigen, dass der deutsche Blick auf Russland immer ein ambivalenter war, kein eindimensionaler, geprägt von Antislawismus und Antibolschewismus. Dies aber hat nie jemand behauptet, kritisiert Volkmann, von generell vorherrschenden antirussischen Klischees könne keine Rede sein. Dabei lässt es Volkmann mit seiner Kritik aber bewenden, denn im Übrigen findet er hochinteressant, was Koenen hier zusammengetragen hat. Koenen führe wie durch eine Galerie durch die Bilder und Zukunftsvorstellungen, die sich deutsche Literaten und Journalisten von Russland gemacht haben, erklärt Volkmann. Bedenkenswert findet er Koenens Erklärungsansatz, die Hinwendung zu Russland als Abkehr von den Vereinigten Staaten zu begreifen. Gegen die modernisierte amerikanische Welt wurde einerseits "die Urtümlichkeit des russischen Menschen" gesetzt, "die Unergründlichkeit des Landes, die gläubige Inbrunst der Orthodoxie, das Mystische und Retardierende", andererseits die Revolution, der Umbruch und die avantgardistische Kunst. Als "anspruchsvolle" Lektüre empfiehlt Volkmann schließlich das Buch, warnt aber vor, dass es geschichtliche und literarische Grundkenntnisse voraussetzt.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2005

Hingerissen berichtet der Rezensent Micha Brumlik von Gerd Koenens "umfassender, gelehrter und panoramatischer" Aufarbeitung des deutschen Russland-Bildes im Vorfeld der NS-Diktatur. Die Thesen Ernst Noltes seien zwar inzwischen mehrfach und gründlich widerlegt worden, doch ein "Motiv" habe sich bis heute halten können: die These der "Vernichtungsangst" des deutschen Bürgertums. In seiner "profunden, aufschlussreichen und stilistische glänzenden Recherche", lobt der Rezensent, verweist Koenen auf einen entgegengesetzten Tatbestand. Es habe nicht Furcht vor Russland geherrscht, sondern eher Sympathie aufgrund einer "gefühlten Identität zweier Kulturentwürfe, die nicht der parlamentarischen Demokratie verpflichtet waren". Anhand mehrerer Persönlichkeiten (wie Alfons Paquet, Eduard Stadler und Hitlers "Chefideologe" Alfred Rosenberg) erbringe Koenen zudem den Beweis, dass erhebliche Teile der bildungsbürgerlichen Intelligenz schon lange vor dem Dritten Reich über Massenvernichtung nachgedacht haben". Demnach habe die wenig rechtsstaatliche Sowjetunion vielen als "Projektionsfläche" gedient - nicht als Gegner, sonder als nachahmenswertes Vorbild.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2005

Begeistert, geradezu bewundernd äußert sich Karl Schlögel zu Gerd Koenens Buch über die widersprüchlichen Beziehungen der Deutschen zu Russland von 1900 bis 1945. Widersprüchlich? Ja, denn nicht ungebrochene "Russlandfeindschaft" prägte die Beziehungen, sondern ein komplexes Gebilde kultureller Bilder und Phantasien, in dem sich "Faszination und Schrecken, Reflexe phobischer Abwehr und emphatischer Zuwendung, Verschmelzungs- und Kolonisationsprojekte verbanden". Wie Koenen diesen Komplex aufschlüsselt und "in ein historisches Narrativ" bringt: Grandios! Er verbindet gekonnt biografischen Porträts verschiedener "die Stimmung der Zeit präzise artikulierender" Figuren mit der Schilderung von Ereignissen und analytischen Passagen. Was dabei herauskommt, ist laut Schlögel keine "neue, steile These", sondern viel mehr: "eine Veränderung der Wahrnehmung des ganzen historischen Feldes". Und eine Geschichtserzählung, die ihresgleichen lange suchen muss.