Dass die sozialstaatlichen Sicherungssysteme reformbedürftig sind, darüber besteht auch in Deutschland mittlerweile ein gesellschaftsweiter Konsens. Wenig Einmütigkeit herrscht indes bezüglich der Frage, welche theoretisch begründeten Leitbilder einer solchen Reform zugrunde liegen sollen. Die Politikphilosophie ist auf diese Herausforderung vergleichsweise schlecht vorbereitet. Erst vor wenigen Jahren begann in ihrem Rahmen eine differenziertere Auseinandersetzung mit normativen Fragen der Sozialstaatlichkeit. Dabei wurde jedoch gesellschaftstheoretischen Sichtweisen zu wenig Aufmerksamkeit geschenkt. "Umverteilung als Legitimationsproblem" verfolgt daher zwei Zielsetzungen: Das Buch unterbreitet zum einen methodische Vorschläge, wie die unterschiedlichen Perspektiven von Politikphilosophie und Gesellschaftstheorie integriert werden können. Zum anderen entwirft es vor dem Hintergrund sozialwissenschaftlicher und philosophischer Überlegungen ein neues Legitimationsmodell für staatliche Umverteilung, das dem Gedanken individueller Autonomie einen besonderen Stellenwert zuspricht.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 23.11.2004
Das Legitimationsproblem sozialstaatlicher Umverteilung steht in dieser Studie Michael Schefczyks im Mittelpunkt, berichtet Rezensent Hans Bernhard Schmid. Dem Zürcher Philosoph und Ökonom zufolge lasse sich das Problem nur interdisziplinär, in Zusammenarbeit von Philosophie und Ökonomie, adäquat behandeln. Schefczyk werfe einen kritischen auf beide Disziplinen. Der Ökonomie halte er vor, ein Normativitätsproblem zu haben und sich zu Unrecht als "wertfreie Wissenschaft" zu betrachten, während er das Problem der Philosophie darin sehe, dass sie sich auf die Diskussion von Gerechtigkeitsprinzipien zurückgezogen und den Sozialwissenschaften das gesellschaftsanalytische Feld überlassen habe. So stelle sich Schefczyk im Schlussteil seines Buches die Aufgabe, "eine Art normative Leitlinie für den Umbau des Sozialstaates zu entwerfen." Demnach setze Selbstverantwortung Autonomie voraus, die zuerst einmal gesichert (d. h. finanziert) sein wolle. Als Schefczyks Kerngedanke nennt Schmid die These, dass Umverteilung so weit legitim sei, als sie zur Sicherung der Autonomie aller Betroffenen notwendig ist.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.11.2004
Einen interessanten, wenn auch nicht wirklich überzeugenden Ansatz sieht Rezensent Reginald Grünenberg in Michael Schefczyks Buch "Umverteilung als Legitimationsproblem". Der Autor verfolge ein "doppeltes Ziel". Zum einen strebe er Wiederannäherung zwischen den Fächern Philosophie und Volkswirtschaft an Fächern. Zum anderen eine interdisziplinäre Klärung der Frage, wie der Sozialstaat Wohlstand nicht nur ökonomisch rational, sondern zugleich gerecht umverteilen könne und solle. Dazu konfrontiere Schefczyk die utilitaristische Wirtschaftslehre mit den naturrechtlichen und egalitaristischen Einwänden. Grünenberg hebt hervor, dass Schefczyk das "wirklichkeitsresistente, idealisierende Theoriedesign normativer Theorien" auflöst, um stattdessen für ein neues Modell zur Legitimation von Umverteilung zu plädieren. Dieses habe einen normativen Kern in der Form eines Anrechts auf Autonomie. Demnach bestehe das Ziel des Sozialstaats in der Herstellung und Reproduktion der Bedingungen für Autonomie seiner Bürger. Der Autonomieansatz führe direkt zur Forderung nach Eigentumsbildung, denn nur dieses mache einen Bürger mündig und voll urteilsfähig. Das gesellschaftliche Ideal des Autonomie-Paradigmas sei somit die Eigentümerdemokratie. Insgesamt bleiben für Grünenberg letztlich zu viele Fragen offen, als dass er diesen Ansatz für realisierbar hielte.
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