Robert Castel

Die Stärkung des Sozialen

Leben im neuen Wohlfahrtsstaat
Hamburger Edition, Hamburg 2005
ISBN 9783935096515
Gebunden, 136 Seiten, 12,00 EUR

Klappentext

Die soziale Unsicherheit kehrt zurück. In Zeiten des Wirtschaftswachstums allenfalls eine Randerscheinung, gefährdet sie heute den Fortbestand der Gesellschaft der Ähnlichen, die ihren Mitgliedern zwar keine absolute Gleichheit, wohl aber neben dem Schutz der Grundrechte auch soziale Absicherung garantierte. Was bedeutet es unter diesen Umständen, geschützt zu sein? Wie entsteht gesellschaftlicher Zusammenhalt, und wodurch wird er bedroht? Wie begegnet man der neuen sozialen Unsicherheit? Diesen Fragen geht der französische Soziologe Robert Castel nach. Zunächst skizziert er die politisch-historische Entwicklung der Rechts- und Sozialstaatlichkeit, bevor er sich der Gegenwart zuwendet.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 19.08.2005

Einen "Bauplan für einen neuen Wohlfahrtsstaat" entdeckt Rezensent Wolfgang Kersting in Robert Castels "Die Stärkung des Sozialen". Wortreich referiert er über das Sicherheitsbedürfnis des Menschen und Thomas Hobbes' Antwort auf dieses Problem, um sich dann mit Castel zu befassen. Dieser diagnostiziere eine "Krise der organisierten Moderne" (Peter Wagner) und eine daraus resultierende soziale und bürgerliche Unsicherheit, die zu Regression und Ressentiments führten. Die Unsicherheitsfolgen von Individualisierung und Flexibilisierung der Erwerbsgesellschaft setze er Individualisierung und Flexibilisierung der Sozialpolitik entgegen. Dabei sehe Castell, sosehr er gegen das neoliberale Konzept des Marktes wettere, durchaus die Notwendigkeit zur Stärkung der Eigenverantwortung - nicht nur aus wirtschaftlichen, sondern vor allem auch aus ethischen und politischen Gründen. Daher plädiere er für eine Dezentralisierung staatlicher Institutionen und eine für Transformation in ein System lokaler Integrationsagenturen, die vor Ort zielgenau operieren, um die an den Rand gedrängten Nutzlosen der Gesellschaft zu integrieren. Was Kersting durchaus plausibel erscheint: "Nur von unten, nicht jedoch von zentralistischer Höhe aus kann eine Wiedereingliederungsdynamik in Gang gesetzt werden, die die neue Unsicherheit mindert."
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.07.2005

Aufschlussreich findet Rezensent Michael Schmitt dieses Buch von Robert Castel, in dem der französische Sozialwissenschaftler für eine Rückkehr der gesellschaftlichen Verantwortung für die Lebensrisiken des Einzelnen plädiert. Castel zeige, etwa am Begriff des Risikos, wie diese Dimension staatlicher Zuständigkeit zunehmend aus dem Blick geraten und den Diskursen verschwunden ist. Wer in überindividuellen Zusammenhängen wie dem Arbeitsmarkt von Risiko spreche, referiert Schmitt, also von individuellen Entscheidungen und individueller Verantwortung, der stelle das Kollektiv - die Gesellschaft, den Staat - von nachhaltiger Verantwortung zu Lasten des Einzelnen frei. Arbeit habe noch immer eine integrierende Bedeutung für das gesellschaftliche Zusammenleben, weswegen die zunehmende rechtliche Deregulierung von Arbeitsverhältnissen so prekär sei. Während Schmitt in der Diagnose weitgehend zustimmt, scheint ihm Castells Therapievorschlag, die gesamtgesellschaftliche Reorganisation der "Arbeit", ein "bisschen blauäugig". Nichtsdestoweniger hebt hervor, dass Castels Buch "besonders geeignet" sei, "die floskelhaften Debatten über den Sozialstaat, an die wir uns gewöhnt haben, um die eine oder andere Facette zu bereichern".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 01.06.2005

"Klein, aber fein" findet Jens Becker diesen Essay, in dem der französische Soziologe Robert Castel schildert, wie der moderne Sozialstaat unter den Bedingungen der golobalen Konkurrenzwirtschaft verschwindet. Dabei beschreibe Castel "profund", wie der Sozialstaat nicht nur seinen Anspruch aufgibt, die Lebensrisiken seiner Bürger zu verringern, sondern auch, eine "Gesellschaft der Ähnlichen" zu fördern. Nicht nur Unsicherheit und Risiko kehren zurück, sondern auch Unsicherheit. Laut Castel, stellt Rezensent Becker dar, werde die Differenz sogar immer wichtiger, um sich Statuswettbewerb zu behaupten. Die Folgen: "Entsolidarisierungs- und Entsozialissierungstendenzen."

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 07.05.2005

Angetan zeigt sich Rezensent Mathias Greffrath von Robert Castels Essay "Die Stärkung des Sozialen. Leben im neuen Wohlfahrtsstaat". Wie Greffrath berichtet, schildert der französische Historiker darin den Niedergang des Wohlfahrtsstaats, die Erosion sozialversicherter Arbeitsplätze, das Schwinden der Gewerkschaftsmacht und die Schwächung des Steuerstaates. Castel diagnostiziere das Entstehen einer neuen Klassengesellschaft und damit eine ernste Gefährdung der Demokratie. Daher fordere er eine umfassende Reform der Sozialversicherungen, die Sicherheit für alle und neue Arbeitsplätze schaffe. Verständlich, aber auch etwas schade findet Greffrath, dass Castel bei der konkreten Umsetzung dieser Forderungen etwas vage bleibt. Immerhin skizziere er einige Gedanken in diese Richtung. So bedürfe die Erneuerung sozialstaatlicher Sicherheiten einen globalen ordnungspolitischen Rahmen, und die Schaffung "echter" Arbeitsplätze erfordere eine Reduktion der gesetzlichen Arbeitszeit oder eine Erweiterung des regulären öffentlichen Sektors statt 1-Euro-Jobs.
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