Mit den Wirtschaftskrisen der letzten Jahre wurde - wieder einmal - deutlich, dass die Marxsche Krisentheorie alles andere als überholt ist. Seit mehr als hundert Jahren bildet Marx' Kapitalismuskritik einen Bezugspunkt für unterschiedliche soziale Bewegungen wie auch Stein des Anstoßes für die Verteidiger der herrschenden Verhältnisse. Seine Analysen und Kritiken treffen auch heute noch neuralgische Punkte unserer gesellschaftlichen Verhältnisse.
Betrachtet man jedoch das Marxsche Werk, stellt man fest, dass es sich um eine Folge von Anfängen und Abbrüchen handelt, keines der großen Projekte wurde beendet. Ohne Kenntnis des Lebens von Karl Marx, seiner Konflikte und Kämpfe, lässt sich diese Werkentwicklung nicht begreifen. Adäquat lassen sich Lebens- und Werkgeschichte aber nur darstellen, wenn die zeitgenössischen Auseinandersetzungen, in die Marx verwickelt war, nicht zum bloßen Hintergrund schrumpfen und wenn die Freunde und Gegner von Marx nicht zu bloßen Statisten werden. Diese neue Marx-Biografie ist auf drei Bände angelegt. Der erste Band wird 2018, im Jahr des 200. Geburtstages von Karl Marx erscheinen. Er wird sich ausführlicher als bislang üblich mit der Marxschen Jugend in Trier und der Zeit seines Studiums in Bonn und Berlin beschäftigen und seine Tätigkeit als Redakteur der liberalen "Rheinischen Zeitung" in Köln und als Herausgeber der "Deutsch-Französischen Jahrbücher" unter die Lupe nehmen. Bereits innerhalb dieser Periode zeigen sich Krisen sowie Brüche in seiner intellektuellen Entwicklung, die Marx dazu veranlassten, zunächst verfolgte Projekte aufzugeben und seine kritischen Unternehmungen neu zu konzipieren.
Kolja Lindner nimmt sich des ersten Bandes von Michael Heinrichs "Mammutprojekt" an und stellt fest, dass der Autor einen Detektiv-Krimi verfasst hat, statt allwissend Marx' Entwicklung zu schildern. Unbekanntes nennt der Autor beim Namen, satt "biografische Fiktion" zu schreiben, so Lindner. Wie Heinrich auf Brüche und Kontingenzen abhebt, Lokalhistoriografie und Geistesgeschichte auswertet, um zunächst ein Bild der Stadt Trier zu zeichnen, findet Lindner spannend und in Bezug auf bisherige Thesen zu Marx' Frühzeit oft entlarvend. Wenn der Autor ausgerechnet die wenig belegte Zeit zwischen 1837 und 1840 zu einem wichtigen Teil seines Buches macht, indem er die religionsphilosophischen Debatten der Hegel-Schule in den Blick nimmt, fühlt sich der Rezensent beschenkt. Bemerkenswert scheint Lindner schließlich, dass Heinrich die erste Marx-Biografie vorlegt, die Leben und Werk "gleichermaßen umfassend" behandelt.
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