Mark-Stefan Tietze isst wahnsinnig gerne Sahnejoghurt mit Honig, sonntags Rührei satt zum Frühstück - und natürlich leckere Lammkoteletts oder saftigen Schinken. Was wäre eigentlich, wenn ausgerechnet so jemand sich zu den Veganern gesellen würde, für einhundert Tage?
Genau das tut Tietze und beschreibt in einer Mischung aus Selbstversuch und Reportage, was passiert. Natürlich nimmt er ab - und sein Appetit auf alles jetzt Verbotene zu. Ernährung wird plötzlich zum bestimmenden Thema für ihn. In jedem Restaurant wird erst die Zutatenliste studiert, bei jedem Einkauf überprüft: Bestimmt nichts Tierisches darin, keine Gelatine, keine Milch? Es gibt schließlich gute Gründe, auf tierische Produkte zu verzichten, aber, so fragt Tietze, muss das gleich religiöse Züge annehmen? Ernährung ist offenbar die neue Religion, die einen entweder zum Drei-Sterne-Fetischisten oder zum tiefgrünen Ideologen werden lässt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 28.06.2016
Erwin Seitz muss über Mark-Stefan Tietzes Bericht von seinem Selbstversuch als Veganer lachen. Obwohl sich der einstige Titanic-Redakteur dem Thema durchaus ernsthaft nähert, amüsiert sich der Kritiker doch darüber, wie der Autor in seinem Frankfurter Heimatstadtteil Bornheim in die Welt des Veganismus eintaucht als würde er die "christliche Urgemeinde in Jerusalem" aufsuchen. Seitz begleitet Tietze hier in vegane Supermärkte, lernt, dass der Vollblut-Veganer auf Fleischersatz verzichtet und lieber selbst mit frischen Zutaten kocht, wundert sich aber zuletzt auch nicht darüber, dass der Autor sein veganes Dasein trotz einiger Momente "mysteriöser Erregung" bald wieder abbricht.
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