Mit 18 Abbildungen. Bertha Pappenheim (1859-1936), die bedeutende Sozialpionierin und Gründerin des Jüdischen Frauenbundes, bekannt geworden auch als Übersetzerin und Verfasserin zahlreicher bedeutender Schriften zur deutsch-jüdischen Kultur, bewahrte lebenslang ein Geheimnis: Sie war Anna O. - die Anna O., die Sigmund Freud zur Entwicklung der Psychoanalyse inspirierte. Ihre Krankheit wurde von ihrem Arzt Josef Breuer in den "Studien über Hysterie" dargestellt und von Freud als Impuls zur Begründung der Psychoanalyse verstanden, doch selbst hat sie nie über ihre Krankheit gesprochen. Unter dem Pseudonym Fräulein Anna O. ist Bertha Pappenheim in die Medizingeschichte eingegangen, die überwiegende Zeit ihres Lebens aber kämpfte sie gegen Mädchenhandel und Mädchenhändler. Vor dem Hintergrund der bürgerlichen jüdischen Kultur, ihrer Herkunft und aus umfangreichen Quellen entwickelt Marianne Brentzel jetzt ein Gesamtbild des Lebens der feministischen Kämpferin Bertha Pappenheim.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 03.07.2002
Bertha Pappenheim gilt als die Urpatientin der Psychoanalyse und die Beschreibungen ihrer Fallgeschichte durch Breuer und Freud, klärt Ludger Lütkehaus auf, können zugleich als die "Urlüge der Psychoanalyse" bezeichnet werden. Warum Anna O. bzw. Bertha P. letzten Endes gesundet ist, lässt sich möglicherweise nicht mehr klären - auch die vorliegende Biografie bietet laut Lüdkehaus keine überzeugende Erklärung. Fest aber steht, so Lüdkehaus, dass Bertha Pappenheim auch nach ihrer "Sprechkur" ein Leben gehabt hat , und zwar eines, das sich sehen und erzählen lassen kann. So habe Pappenheim Pionierleistungen auf dem Gebiet der Sozialarbeit vollbracht und das Heimwesen reformiert; sie hat den jüdischen Frauenbund gegründet, gegen den Mädchen- und Frauenhandel aus Osteuropa agitiert und als Autorin und Übersetzerin gewirkt. Die Biografin, resümiert Lüdkehaus, hat umfassend und genau recherchiert: ihre Interpretation von Berthas psychischer Erkrankung als "Flucht in die Krankheit" und Ausbruch aus konventionellen Lebensmustern überzeugt ihn nicht wirklich, stattdessen erscheinen ihm Pappenheims frauenrechtlerische Aktivitäten als eine mögliche produktive Fort- und Umsetzung ihrer früheren Probleme.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 29.06.2002
Anna O., jene berühmte Patientin Sigmund Freuds, deren Fall in die Geschichte der Psychoanalyse einging, kennen viele - nämlich aus Freuds Fallgeschichte über die Hysterie. Die Frau hinter diesem Pseudonym, die Wiener Publizistin und Frauenrechtlerin Bertha Pappenheim hingegen ist, bedauert Eva Jaeggi, in der Wahrnehmung der Nachwelt lange Zeit hinter der Figur Anna verschwunden. Allein schon deshalb findet die Rezensentin die Biografie von Marianne Brentzel wichtig. "Angenehm" werde der Leser in diesem Buch über das bemerkenswerte Leben der Bertha Pappenheim informiert, die noch während ihrer Störung begann, Kinderbücher zu schreiben, sich später für benachteiligte Frauen einsetzte und ein Mädchenheim für ostjüdische Prostituierte gründete. Besonders "faszinierend" findet Jaeggi die "präzise Unaufgeregtheit", in der die Autorin das Leben der Frauenrechtlerin nachzeichne. Außerdem gebe diese Biografie nicht nur über das Leben der Bertha Pappenheim Aufschluss, sondern auch über die gesellschaftliche Situation eines reichen jungen Mädchen in Kaiserreich, Krieg und Zwischenkriegszeit - eine Zeit, die für eine so junge, begabte und jüdische Frau viele Ambivalenzen bereithielt, die diese in erstaunlicher Weise gemeistert habe, konstatiert die Rezensentin.
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