Wie Charcot, Breuer und Freud die Hysterie definierten, wissen wir. Wie aber um 1900 der Alltag von Patientinnen in einer psychiatrischen Anstalt aussah, wie sie selber sich und ihre Krankheit wahrgenommen haben und wie Krankheitskonzepte zwischen Anstaltspsychiatern, Patientinnen und Personen ihres sozialen Umfelds ausgehandelt wurden, ist wenig bekannt. Karen Nolte zeigt, wie Diskurse über Hysterie in der Praxis wirksam wurden, und gibt Einblicke in die Krankheitswahrnehmung unterschiedlicher Frauen wie Dienstmädchen, Telefonistinnen, Hausfrauen und Lehrerinnen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 03.12.2003
Martin Stingelin wartet mit einem großen Kompliment auf. Karen Nolte, die hier ihre Dissertation vorlegt, besitze den gleichen "gout de l'archive" wie ihre französische Kollegin Arlette Farge, die seit Jahrzehnten die Pariser Archive auf den Spuren der Geschichte der einfachen Leute durchforscht. Auch Nolte hat also "Lust, Geschmack am Archiv" gefunden, in ihrem Fall sind es die Akten der psychiatrischen Landesheilanstalt Marburg gewesen, die sie aufgearbeitet hat. Methodisch innovativ sei ihre Studie nicht, merkt Stingelin an, dafür besäße ihre dichte Beschreibung des Anstaltsalltags der als Hysterikerinnen internierten Frauen Intensität und Lebendigkeit und vollziehe damit tatsächlich einen Perspektivenwechsel in der historischen Hysterieforschung. Aus dem Aktenstudium ergäbe sich ein Spannungsverhältnis, berichtet der Rezensent, zwischen dem reformerischen Bemühen der Psychiater und den in die Enge getriebenen Patientinnen. Gar nicht so selten hätten sich diese den psychiatrischen Hysterie-Diskurs zu eigen gemacht, um auf diesem Wege über die erfahrene geschlechtsspezifische Gewalt berichten zu können. Nur manchmal weiche Nolte spekulativ vom Quellenstudium ab; kleine Schönheitsfehler, die der Rezensent gelten lässt.
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