Lukas Bärfuss

Vaters Kiste

Eine Geschichte über das Erben
Cover: Vaters Kiste
Rowohlt Verlag, Hamburg 2022
ISBN 9783498003418
Gebunden, 96 Seiten, 18,00 EUR

Klappentext

Das Erbe seines Vaters hat Lukas Bärfuss ausgeschlagen: Es waren vor allem Schulden. Die markante Nase seines Vaters hat er dagegen schon an seinen eigenen Sohn weitervererbt. Den Genen entkommen wir nicht, doch wie steht es um ein auf Privatvermögen zielendes Erbrecht, das uns, obwohl kaum hundert Jahre alt, wie ein Naturgesetz vorkommt? Wie steht es um die Verantwortlichkeit jenseits der familiären Bindung, wie steht es um die Teilhabe der Nachgeborenen, deren Schicksal wir bestimmen mit dem, was wir ihnen hinterlassen, unser Erbe, unseren Müll? Antworten werden sich nicht finden lassen, solange das planende Denken vor dem Wegfall aller Selbstverständlichkeiten die Augen verschließt, solange es sich einer Enttäuschung verweigert, die uns die wichtigen Fragen erst ermöglichen würde: Wollen wir weiter so leben wie bisher? Und wenn nicht: wie dann?

Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 23.11.2022

Rezensent Oliver Pfohlmann liest diesen Essay des Schweizer Büchnerpreisträgers Lukas Bärfuss mit gemischten Gefühlen. Interessiert folgt er Bärfuss, wenn dieser ihm erstaunlich persönlich von seinem Vater erzählt, einem kleinkriminellen Obdachlosen, von dem Bärfuss nicht mehr bleibt als eine Bananenkiste mit Schuldscheinen und Pfändungsbriefen. Bemerkenswert scheint dem Rezensenten auch, wie der Autor die eigene Lebensgeschichte mit Gedanken über Armut, Familie und Herkunft verknüpft. Zunehmend gerät Pfohlmann der schmale Essay aber durcheinander, etwa wenn Bärfuss von Darwin, Wittgenstein oder Kafka zur Klimakrise, Grundbesitz oder Fragen nach dem Erben springt. Und weshalb der Autor zwar die These aufstellt, Herkunftserzählungen führten auf direktem Weg in Ideologien, dann aber nicht auf aktuelle identitätspolitische Debatten eingeht, ist dem Kritiker schleierhaft.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.11.2022

Rezensentin Kristina Maidt-Zinke zieht vor Lukas Bärfuss den Hut gleich in mehrfacher Hinsicht: Bärfuss, der es aus Armut und Obdachlosigkeit über verschiedene Handwerksberufe zum Hochschulprofessor und Büchnerpreisträger geschafft hat, stellt die kritische gesellschaftliche Analyse in seinem Werk - anders als die französischen Vorbilder - stets vor die persönliche "Befindlichkeit". In dem aktuellen schmalen Essay erfährt die Rezensentin allerdings doch einiges über Bärfuss beziehungsweise dessen Vater: 25 Jahre nach dem Tod des Vaters auf der Straße öffnet Bärfuss eine Kiste, die ihm übergeben wurde und die Dokumente über Schulden, Kriminalität und Armut des Vaters enthält. Davon ausgehend reflektiert Bärfuss prägnant und anschaulich die eigene Herkunft und den eigenen schwierigen Lebensweg. Aber Bärfuss wäre nicht der große Essayist und Romancier, der er ist, beließe er es dabei, fährt Maidt-Zinke fort: "Kühn behauptend" und "scharf sezierend" flicht er Betrachtungen zu Metaphysik, Sprache und Demokratie, zu Darwin, Nationalstaat und Erbrecht oder zu Krieg, Kondensstreifen und Privateigentum ein, staunt die Kritikerin. Ein spannungsreicher Bogen von der "Genesis bis zur Gegenwart", der nicht zuletzt die Frage nach der Verantwortung für künftige Genetiaonen stellt, schließt sie.
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 18.10.2022

Rezensent Roman Bucheli lässt sich von Lukas Bärfuss nicht überzeugen. Zwar liest er berührt, wie Bärfuss die von seinem verarmten Vater ererbte Kiste endlich vom Dachboden holt, um in ihr ein bisschen Plunder und viele unbezahlte Rechnungen zu finden. Aber wenn der Schweizer Autor von seiner persönlichen Erfahrung auf die allgemeine Ungerechtigkeit des Erbens kommt, auf bliblische Herkunftsgeschichten und Darwins Evolution steigt der Rezensent aus. Mag sein, dass nur Reichtum vererbt wird und Schulden ausgegeschlagen werden, aber was das mit dem Kapitalismus zu tun haben soll, kann ihm Bärfuss nicht erklären.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 15.10.2022

In der europäischen Literatur öffnet sich ein neuer Raum, stellt Mladen Gladic fest, ein Schallraum für Stimmen, die von Herkunft erzählen und von sozialer Chancen-Ungleichheit. Zu diesen Stimmen gesellt sich nun auch Lukas Bärfuss, und er hat einiges zu erzählen, findet Gladic. Anlass für seinen aktuellen, intelligenten Essay ist eine Bananenkiste, die zu "Vaters Kiste" wird, eine Kiste voller Briefe, nicht etwa von Verwandten, Geliebten, Geschwistern im Geiste - wie man es aus der bürgerlichen Literatur kennt, sondern vor allem von Gläubigern und anderen offiziellen Stellen, lesen wir. Das ist es, was bleibt vom Vater, abgesehen natürlich von dem immateriellen Erbe, das der Sohn nicht gänzlich ausschlagen kann. Doch dieser Autor hat mehr zu bieten als Klagen und den laut Gladic naiven Aufruf zur Enteignung als einzige denkbare Lösung für das Problem, das er eindrücklich beschreibt. "Lohngleichheit und Selbstbestimmung" lautet einer von Bärfuss' Vorschlägen und Forderungen, die er aus eigener Erfahrung geschöpft hat, so der angetane Rezensent.