Marlen Hobrack

Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt

Der Versuch einer Tochter, am Erbe der Mutter nicht zu ersticken
Cover: Erbgut. Was von meiner Mutter bleibt
Harper Collins, Hamburg 2024
ISBN 9783365008133
Gebunden, 240 Seiten, 24,00 EUR

Klappentext

Als Marlen Hobrack sich daranmacht, den Nachlass ihrer Mutter zu bewältigen, winkt ihr kein Einfamilienhäuschen, keine hübsche Altbauwohnung. Sondern ein Berg von Schulden und Dingen, die am Lebensende einer Arbeiterin bleiben: Steppdecken, Vitaminpräparate, Putzmittel, Fotos. Wie in Chiffren hat sich ihre Mutter in sie eingeschrieben. Marlen Hobrack legt die Tiefenschichten ihrer Mutter frei - auch in sich selbst - und stellt gesellschaftliche Fragen, die uns alle betreffen: Was verraten die Dinge, die Menschen horten, über das, was sie im Leben wirklich brauchen? Bewältigen Frauen ihre Traumata durch Konsumsucht? Wie schreibt sich das Trauma unserer Eltern durch ein Erbe in uns fort?Dieses Buch ist ein doppelter Verrat. Ein Verrat an der Ikone der Mutter und an den Ikonen der Konsumgüter, die uns ein Leben lang begleiten - um uns nach unserem Tod auf gemeinste Weise bloßzustellen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 13.01.2025

Rezensentin Carolin Gasteiger begibt sich gemeinsam mit Marlen Hobrack in die Wohnung der Mutter der Autorin und hilft ihr beim, wie es im Buch heißt, "beräumen". Die verstorbene Mutter war kaufsüchtig, hortete Unmengen an Haushaltsgegenständen, für die sie keine Verwendung hatte. Die Arbeit des Ausmistens, die die Autorin auf sich nimmt, ist körperlich und psychisch belastend, so Gasteiger. Als einen Vertrauensbruch beschreibt Hobrack selbst ihr Buch, lesen wir, die Mutter hätte das alles nicht gern gelesen, aber sie selbst hält das Buch dennoch für notwendig, um das Leben der Mutter, etwa hinsichtlich deren Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter, aber auch zur DDR, in der sie aufwuchs, zu klären. Gasteiger scheint das gut nachvollziehen zu können und beschreibt den entstandenen Text als ein Zwischending zwischen Sachbuch und Roman, tatsächlich arbeitet Hobrack neben der Nacherzählung der Aufräumarbeiten auch soziologische Literatur in den Text ein, außerdem sinniert sie darüber nach, inwiefern sie selbst Gewohnheiten ihrer Mutter übernommen hat. Insgesamt ein reichhaltiges Buch, aus dem nicht zuletzt auch die Liebe Hobracks für ihre Mutter spricht, so das Fazit.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 28.10.2024

Rezensent Carsten Hueck ist beeindruckt von Marlen Hobracks Buch. Anlass des Schreibens ist, erfahren wir, der Tod der Mutter der Autorin, die Tochter muss sich um den Nachlass kümmern, der vor allem aus nicht bezahlten Rechnungen und jeder Menge Kram besteht. Das Aufräumen der Wohnung der Mutter und das Schreiben ergänzen sich hier laut Hueck. In beiden Fällen gehe es darum, Dinge zu sortieren, in den Blick gerate dabei auch der eigene Lebenslauf der Autorin. Behandelt wird, schildert der Rezensent, unter anderem die Prägung der Mutter durch die DDR und ihre spätere Konfrontation mit der Konsumkultur, in der sie überflüssige Dinge anhäufte. Viel Verdrängtes wird aufgearbeitet in diesem Buch, erfahren wir, gleichzeitig ist eine Vielzahl von Gefühlen im Spiel, von Wut und Scham bis Zärtlichkeit. Insgesamt toll, wie Hobrack gleichzeitig persönlich und objektiv-soziologisch über ihre Mutter und ihr eigenes Verhältnis zu ihr schreibt, freut sich Hueck abschließend.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.10.2024

Einen Vertrauensbruch stellt dieses Buch dar, meint Cornelia Geißler, aber einen, der zu relevanten Erkenntnissen führt. Die Autorin beschäftigt sich darin mit der Wohnung ihrer verstorbenen Mutter, erfahren wir. Die Mutter hatte über Jahrzehnte hinweg Nützliches und weniger Nützliches gesammelt, resümiert Geißler, ein Messie war sie freilich nicht, weil sie gleichzeitig auf Reinlichkeit achtete. Man wird beim Lesen nicht zum Voyeur, freut sich die Rezensentin, weil es nicht nur um die Beschau der Wohnung geht, sondern auch und vor allem um die soziale und psychische Situation der Mutter. So liest Geißler bei Hobrack einiges darüber, wie die Mutter unter schwierigen Verhältnissen aufwuchs, später prägte unter anderem ein alkoholsüchtiger Ehemann ihr Leben, gleichzeitig hatte die Sammelleidenschaft auch etwas mit Mangelerfahrungen zu tun. Weiterhin geht es in dem Buch, meint Geißler, um Parallelen von Sammeln und Schreiben als verschiedene Arten, Erfahrung zu systematisieren. Insgesamt also ein sehr interessantes Buch, schließt Geißler, das die psychosozialen Dimensionen von Erbgut und Erbschaft offenlegt.

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