Am Meer
Erzählungen

Wallstein Verlag, Göttingen 2025
ISBN
9783835358843
Gebunden, 184 Seiten, 22,00
EUR
Klappentext
Aus dem Ukrainischen von Maria Weissenböck. Herausgegeben und mit einem Vorwort von Tanja Maljartschuk. Frauen, die mehr verdienen als ihre Partner, häusliche Gewalt, späte Mutterschaft und soziale Ungerechtigkeit: Schon um 1900 wagte es die ukrainische Schriftstellerin Lesja Ukrajinka Themen aufzugreifen, die teils heute noch tabuisiert werden. Dafür wurde sie von ihren männlichen Kollegen als "der einzige Mann in der ukrainischen Literatur" bezeichnet - ein Ausdruck, der auf die männliche Dominanz im Literaturbetrieb ihrer Zeit und die thematischen Schwerpunkte in den von Männern und Frauen verfassten Werken anspielte. Lesja Ukrajinka, die zeitlebens mit ihrer Tuberkulose-Erkrankung kämpfte, durchbrach diese Konventionen: Ihre Kurzprosa spiegelt die europäischen Strömungen des Fin de Siècle und greift zentrale Diskurse der Zeit auf wie überkommene Rollenbilder, die Frage nach der Grenze zwischen Vernunft und Wahnsinn, Orientalismus und die Nietzsche-Rezeption. Ihre Sprache moduliert detailgenaue und atmosphärisch dichte Szenen. "Am Meer" richtet sich an alle, die sich für die europäische Moderne, feministische Literatur und postkoloniale Perspektiven interessieren. Der zweite Band der "Ukrainischen Bibliothek" enthält eine repräsentative Auswahl aus dem Prosawerk Ukrajinkas und wird durch eine kulturhistorische Kontextualisierung von Tamara Hundorova ergänzt.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Rundschau, 20.12.2025
In seiner verdienstvollen Reihe der "Kleinen Ukraine-Bibliothek" widmet sich Kritiker Christian Thomas diesmal den Erzählungen von Lesja Ukrajinka, die in ihrer Zeit um 1900 eine besondere Frau war: Trotz der russischen Unterdrückung bekannte sie sich zur Ukraine und zur ukrainischen Sprache. Herausgeberin Tanja Maljartschuk hat die Erzählung "Am Meer" aus der 14-bändigen ukrainischen Werkausgabe getroffen, erfahren wir: Sie spielt in einem Sanatorium in Jalta, dort liegt über allem "etwas Schweres, eine Art Schlaf", das im feinsinnig gewebten Text widergespiegelt werde. Auch Elemente des Klassenkampfes werden aufgegriffen, eine andere Geschichte ist eine Tierfabel, allesamt hervorragend übersetzt von Maria Weissenböck, befindet Thomas. Ukrajinka in ihrer Prosa kennenzulernen, kann er nur empfehlen.
Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 20.12.2025
Nach dem Beginn des russischen Angriffskrieges auf die Ukraine stellte Tanja Maljartschuk fest, dass das deutschsprachige Publikum nur selten die klassischen Autoren der ukrainischen Literatur kennt, dem soll mit der Ukrainischen Bibliothek Abhilfe geschaffen werden, deren erste zwei Bände nun vorliegen, so Rezensent Ulrich M. Schmid. Das besondere an dieser Bibliothek: Jeweils ein Gegenwartsautor stellt einen Klassiker vor, hier fällt diese Aufgabe der Herausgeberin und Autorin Maljartschuk zu, die in das Schaffen Lesja Ukrajinkas einführt, die aus guter Familie kam, neun Sprachen sprach und 1913 im Alter von 42 Jahren an Knochenturberkulose starb. Ukrajinka setzte sich mit Vehemenz für die Freiheit der Ukraine ein. Literarisch war sie in vielen Genres zuhause, erzählt Schmid, sie interessierte sich besonders für die " condition féminine", die sie mit "ethnografischer Präzision" ausleuchtete, so der beeindruckte Kritiker. Er freut sich schon auf die kommenden Bände der Reihe.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk, 27.10.2025
Sehr lobenswert findet Rezensent Nico Bleutge das Vorhaben des Wallstein-Verlags, in den nächsten Jahren einige ukrainische Klassiker zu veröffentlichen, den Auftakt macht ein Erzählungsband von Lesja Ukrajinka, einer hochgebildeten und belesenen Autorin, der von Tanja Maljartschuk herausgegeben wird. Die Titelerzählung, so Bleutge, handelt von einer Frau, die den Sommer in Jalta verbringt und sich von den Menschen entfremdet fühlt, sie trifft auf eine junge Frau, deren Leben äußerst dekadent scheint, Ukrajinka fächert mit diesen beiden gegensätzlichen Frauen ein einfühlsames, "raffiniert gebautes" Gesellschaftsporträt auf. Für den Kritiker zeigt sich hier eine große europäische Schriftstellerin, die es in ihrer zugleich sensiblen und kritischen Sprache vermag, die Menschheit und ihre Hintergründe zu durchleuchten.
Rezensionsnotiz zu
Deutschlandfunk Kultur, 23.10.2025
Rezensentin Olga Hochweis jubelt über diesen Erzählband der Schriftstellerin des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts, der die Reihe "Ukrainische Bibliothek" eröffnet. Lesja Ukrajinka versuchte sich bereits mit neun Jahren am literarischen Schreiben, erste Gedichtveröffentlichungen folgten mit 13, wobei sich die Tochter einer intellektuellen, ukrainischen Kleinadelsfamilie aufgrund des in Russland herrschenden Verbots des Ukrainischen bewusst für das Pseudonym "Ukrainka" - die Ukrainerin - entschied. Hochweis versteht das nicht als "nationalistisches Statement", sondern als Beweis ihrer Sympathien für Außenseiter. Das schlägt sich für sie auch in den hier versammelten, sieben Erzählungen nieder, die detailverliebt und episodisch das Innenleben weiblicher Figuren zentrieren. So liest die Kritikerin etwa von den in entgegengesetzten Verhältnissen aufwachsenden Freundinnen Jusja und Darka, die beide im zunehmendem Alter mit "Fremdbestimmung und Anpassungsdruck" zu kämpfen haben. Ukrajinkas von Leerstellen durchsetzte Sprache findet Hochweis überraschend modern, die neutrale Nähe, die sie zu ihren Figuren pflegt, lasse diese äußerst plastisch wirken. Eine wahre Entdeckung, freut sich Hochweis.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.10.2025
Rezensentin Kerstin Holm freut sich über teils bisher unveröffentlichte Prosa der ukrainischen Erzählerin Lesja Ukrajinka in der "exquisiten" Übersetzung von Maria Weissenböck und mit lesenswertem biografischem Vorwort ukrainischer Zeitgenossen. Unter den Erzählungen im Band, die laut Holm sämtlich durch eine genaue Sprache und Wahrnehmung überzeugen, hebt die Rezensentin einen Text über das Erwachsenwerden einer jungen Frau im ukranisch-polnischen Grenzgebiet hervor. Für Holm ein Meisterwerk nicht nur seiner vielfältigen Figuren wegen.