Laszlo Darvasi

Eine Frau besorgen

Kriegsgeschichten
Cover: Eine Frau besorgen
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2003
ISBN 9783518124482
Taschenbuch, 181 Seiten, 10,00 EUR

Klappentext

Aus dem Ungarischen von Terezia Mora und Agnes Relle. Nach der Beendigung seines Romans Die Legende von den Tränengauklern kehrte Darvasi zur kurzen Prosaform zurück. Es entstand ein Zyklus von Erzählungen, die zum Besten, aber auch Bittersten gehören, was er bisher geschrieben hat. Das Buch spielt während des Bosnien-Krieges und danach, in einem Klima totaler Verwilderung, Gesetzlosigkeit und Grausamkeit. Söhne erschießen ihre Väter, vergehen sich an Minderjährigen und Toten. Das Besorgen von Frauen gehorcht einem animalischen Überlebenstrieb. Doch die Frauen mit so seltsamen Namen wie Rozalia Fugger-Schmidt oder Julia Sonne sind nicht nur Opfer, sondern auch souveräne Schönheiten, die mit Prothesen handeln oder wochenlang schlafen können. Immer wieder ins Surreale kippend, erzählt Darvasi in diesen unheimlichen Geschichten vom extremen Zustand andauernder Gewalt.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 15.04.2004

Hansjörg Graf meint, dass der ungarische Autor Laszlo Darvasi mit seinen 17 "Kriegsgeschichten", die auf dem Balkan, aber auch an "imaginären Orten" spielen, "starke Stücke" aufbietet. Die verschiedenen Erzähler der einzelnen Texte melden sich immer dort zu Wort, wo die Stimme der "Vernunft, Humanität und Toleranz" zum Schweigen gebracht worden ist, stellt der Rezensent fest. Stilistisch changieren die Erzählungen Darvasis zwischen Prosa und Poesie, die im "Schrecklichen" auch immer wieder das "Schöne" aufscheinen lassen, so Graf weiter. Dabei gehe es dem Autor offenbar darum, in den verschiedenen Darstellungen einer "kranken Welt" die Allgegenwart eines "gleichgültigen Gottes" aufzuzeigen. Bei diesen Erzählungen sind "Konfusionen" zu erwarten, betont Graf, der in den Grausamkeiten des Krieges aber auch den "komödiantischen Kern des Grauens" freigelegt sieht.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 20.02.2004

Hans-Peter Kunisch enthält sich bei Laszlo Darvasis Kriegsgeschichten der Beschreibung und lässt Zitate für sich sprechen. Zum Beispiel solche: "Patra Xandar erklärte, sie habe ihre Zehen stets als zu lang und zu ungelenk empfunden, ihre Knie waren brotlaibähnliche Geschwulste." Da geht es um eine Frau, die keine Beine mehr besitzt. Es gibt viele solcher Frauen in den Geschichten, die von verwirrten, überforderten Männern erzählt werden und allesamt die Namen von Frauen tragen - Geschöpfe des Krieges, die einen wie die anderen. Die Sprache, schreibt Kunisch, sei "immer wieder überraschend": "Sanfte, groteske, direkte Töne." Ein kleines Buch nur, voller bizarrer Begebenheiten und künstlicher Gliedmaßen, und doch, so der Rezensent, vielleicht Darvasis bestes - "beileibe nicht die einzige Möglichkeit, dem Krieg, in Jugoslawien oder sonstwo, gerecht zu werden, aber eine der eindrücklichsten".
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.11.2003

Ilma Rakusa ist überwältigt von Laszlo Darvasis "unglaublichen, ungeheuerlichen" Geschichten über die Balkankriege. Doch nicht als Realist habe der ungarische Autor sie beschrieben, sondern als Allegoriker: sein Balkan ist ein fantastischer, seine "bildhafte Archaik" erzeugt Zeitlosigkeit, "seine Kunst der Verdichtung strebt zur Parabel". Die Figuren sind Kriegshuren und die Männer, die sie begehren und missbrauchen - ein Geschlechterkampf "teuflisch-heiliger Helden", der in Angst wurzelt, einer Angst, die alles hervorbringe, was der "poetische Emphatiker" Darvasi "sinnlich drastisch" in Worte fasst: "das Schreckliche und das Wunderbare, das Unheimliche und das Komische". Es liege, schreibt Rakusa, "poetisches Gift" in dieser Prosa, und eine große "kathartische Wirkung" - die Wahrheit des Krieges werde greifbar.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 08.10.2003

Der ungarische Autor Laszlo Darvasi ist mit diesen 16 Erzählungen in der "gegenwärtigen Nachkriegszeit" in Bosnien und dem Kosovo angelangt, teilt Jürgen Verdovsky mit. Die Schrecken des Krieges gehen unvermindert weiter und werden wie "Geschichten am Lagerfeuer", in surrealer Verfremdung erzählt, beschreibt der Rezensent seinen Leseeindruck. In den Texten sind Opfer und Täter untrennbar, und die Gewalt, nicht nur gegenüber Frauen, allgegenwärtig, so Verdovsky betroffen. Für ihn erweist sich Darvasi nicht zuletzt deshalb als "großer Erzähler", weil er sich der Versuchung enthalte, durch "metaphysischen oder ideologischen Trost" das "Unerträgliche erträglicher zu machen". So gelingt es dem Autor nicht nur, die "Ungehörigkeit des Todes" im Krieg deutlich werden zu lassen, so der Rezensent beeindruckt, sondern er demonstriere auch, dass der "Krieg ein die Vernunft übersteigendes" Ereignis ist.
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