Konrad Canis weist erstmals umfassend nach, wie begrenzt die Handlungsspielräume waren, die Österreich-Ungarn zwischen der Schlacht von Königgrätz und dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs zur Verfügung standen. Mehr als jede andere Großmacht war die Doppelmonarchie inneren und äußeren Zwängen ausgesetzt. Ihre Politik verfolgte eine defensive Strategie, zielte nur begrenzt auf Eroberung; auf dem Balkan ging es um die Aufrechterhaltung einer Dominanz im Hintergrund. Die nationalen Gegensätze innen und außen sollten kleingehalten werden. Innere Instabilität, die wirtschaftliche und militärische Zweitrangigkeit, aber auch das Vormachtstreben Deutschlands im Bündnis und die Abstinenz Englands hemmten Österreich-Ungarn. Nutznießer war der Hauptrivale Russland. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs sollte Österreich nach den Plänen der russisch-britisch- französischen Entente im Falle eines großen Konfliktes einem fatalen Doppelkrieg gegen Rußland und Serbien ausgesetzt werden. Als 1914 überraschend die Möglichkeit aufschien, Österreich könnte dem großen Krieg durch einen allein gegen Serbien entgehen, erwies sich Wien jedoch als unfähig, diese - freilich geringe - Chance zu nutzen.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.11.2016
Rezensent Gerhard P. Groß erkennt in Konrad Canis' Buch eine Diplomatiegeschichte klassischen Zuschnitts. Die Außenpolitik Österreich-Ungarns und ihre geopolitischen Begrenzungen und Bedrängungen lassen sich im Band laut Gross gut nachverfolgen. Chronologisch und auf deutsches und österreichisches Archivmaterial gestützt, vermittelt ihm der Autor die Uneinigkeit der deutschösterreichischen Eliten bei der Ausrichtung der auswärtigen Politik der k. u. k. Monarchie, das Verhältnis zu Russland und schließlich zu Bismarck. Schade findet Gross, dass der Autor weitgehend darauf verzichtet, eigene Positionen in den wissenschaftlichen Diskurs einzuordnen. Die Karten im Band findet der Rezensent wenig aussagekräftig, ein kommentiertes Personenregister sowie ein Ortsregister vermisst er außerdem schmerzlich.
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