Dass Deutschland es im Sommer 1914 zum Ausbruch des Weltkrieges hat kommen lassen, obwohl man sich der militärischen Überlegenheit der Gegner bewusst war, ist rätselhaft. Seit Fritz Fischers grundlegendem Werk "Griff nach der Weltmacht" (1961) ist darüber intensiv geforscht und kontrovers debattiert worden. Der Autor dieses Buches vertritt in der Frage der Kriegsursachen die These, dass vor allem irrationale Faktoren wie ein überzogenes Ehr- und Pflichtbewusstsein sowie die starre Bündnistreue gegenüber Österreich-Ungarn entscheidend waren für die Beteiligung des Deutsches Reiches am Ersten Weltkrieg. Dabei betont er, dass es Österreich-Ungarn war, welches die Initiative ergriff, und Deutschland reagierte. Die Hauptschuld an der Eskalation und dem Ausgang der Krise weist er den deutschen Diplomaten zu, die nicht den notwendigen Schritt zurück getan hätten. Der Autor kommt zu dem Schluss, dass Deutschland 1914 nicht in den Krieg hätte eintreten müssen, wenn die politische Willensbildung nach rationaleren Kriterien erfolgt wäre.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 21.03.2007
Michael Salewski rauft sich die Haare. Nicht wegen des Buches von Lüder Meyer-Arndt, das die Julikrise 1914 "detailliert" nachzeichnet, sondern wegen der Tatsache, dass der Erste Weltkrieg ohne nachvollziehbaren Grund vom Zaun gebrochen wurde. Meyer-Arndt führt die Motive auf Subjektiv-Irrationales zurück wie Ehre, Würde, Angst und Hoffnung. Salewski kann dem nicht widersprechen, auch wenn ihm die Einsicht, der Erste Weltkrieg sei nicht aus wenigstens ansatzweise rationalen Gründen vom Zaun gebrochen worden, einen ziemlichen Schrecken einjagt. "Spannend" sei die Studie in der Erkenntnis, dass niemand in Berlin oder Wien den Krieg wollte, sondern einfach so weiterleben wie bisher. Warum es dazu kam, wird wohl nie vernünftig erklärt werden können, seufzt Salewski. Aus dem erschreckenden Grund, dass es keine Vernunft gab.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 14.03.2006
Etwas dürftig erscheint Rezensent Gerd Krumreich der Ertrag dieser Arbeit über die zum Ersten Weltkrieg führende Julikrise 1914, die Lüder Meyer-Arndt verfasst hat. Er moniert die Verengung der Perspektive auf die deutsche Verantwortung und die Ausblendung der internationalen Politik, die nur in dem "gequält klingenden" Vorwort von Immanuel Geiss angesprochen wird. Weiter hält er dem Autor vor, die Bedeutung der mittleren und höheren Chargen des auswärtigen Dienstes zu übertreiben, die Bedeutung von Kanzler Bethmann Hollweg und Kaiser Wilhelm II. dagegen nicht adäquat zu würdigen. Bedauerlich findet Krumreich auch, dass Meyer-Arndt zur Frage der Einkreisungsängste und zum "Topos vom unvermeidlichen Krieg" stumm bleibt. Ingesamt hätte Krumreich sich mehr "Verstehen" und weniger "Abrechnen mit Bösewichtern und Hampelmännern" gewünscht.
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