Karl Heinz Bohrer

Das Erscheinen des Dionysos

Antike Mythologie und moderne Metapher
Cover: Das Erscheinen des Dionysos
Suhrkamp Verlag, Berlin 2015
ISBN 9783518586181
Gebunden, 389 Seiten, 29,95 EUR

Klappentext

Wurde Dionysos erst in der Moderne dionysisch? Dionysos, Sohn des Zeus, Gott der Ekstase, wurden viele Eigenschaften zugeschrieben. Aber nur eine unterscheidet ihn von allen anderen Göttern: sein plötzliches 'Erscheinen', jene mysteriöse Ereignishaftigkeit, die mit seinem Auftreten verbunden war und schon in den griechischen Texten thematisch wurde. Karl Heinz Bohrer begibt sich in seinem neuen Buch auf die Spuren dieser Eigenschaft des Dionysos und zeigt, wie sie sich sukzessive vom Mythos abgelöst hat und nach 1800 zum Signum der romantisch-modernen Literatur und Philosophie wurde.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 11.12.2015

Dass Karl Heinz Bohrer weiterhin theorieaffine Wissenschaft eher für unangemessen hält und entsprechend das von ihm in seinem Band herausgearbeitete Andere der ästhetisch-dionysischen Erfahrung nicht näher fasst oder gar systematisiert, kann Thomas Groß nicht ganz nachvollziehen. Ebensowenig die Tatsache, dass der Band mit Kasus- und anderen Wortendungsfehlern kommt. Bohrers literaturhistorische Studie nämlich scheint ihm ansonsten höchst ergiebig zu sein, gelehrt, weit ausgreifend und anschließend an Bohrers alte Themen und Motive. Die Analyse literarischer Gestaltung des Dionysischen bei Hölderlin, Nietzsche, Pound, Valery, aber auch bei Kleist und bei den Surrealisten ergibt für Groß etwa das Bild des plötzlich als Ereignis auftretenden Gottes als Bild für Kunst und Dichtung als ein Jenseits der Individualität. Bohrers Erörterung des Wiederauftauchens dionysischer Metaphern in der Moderne folgt laut Groß der kritische Blick des Autors auf die realistische Gegenwartslitertatur.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 31.10.2015

Rezensent Michael Stallknecht hat Sympathien für Karl Heinz Bohrer und seine "appelativen", mitunter sehr sprunghaften Gedankengänge. Wenn Bohrer in seinem neuen Buch versucht, die ästhetische Realisierung des Dionysischen in der modernen Dichtkunst nachzuweisen, bei Hölderlin oder Pound, muss sich Stallknecht zwar auf Spekulationen gefasst machen, Bohrersche Kategorien wie die "Plötzlichkeit" oder der "Schrecken" scheinen ihm jedoch unter dem Dionysischen durchaus plausibel zueinanderzufinden. Etwas mehr vom Appolinischen bei der Strukturierung des Textes hätte dem Buch allerdings auch nicht geschadet, meint Stallknecht.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 08.10.2015

Die Reiz des Dionysischen ist in der Moderne ungebrochen: das ist nach Ansicht des Rezensenten Thomas Assheuer die zentrale These des Literaturwissenschaftlers Karl Heinz Bohrer. "Ungemein anregend und von faszinierender begrifflicher Dichte" seien dabei die Interpretationen Bohrers, findet der Kritiker. Auch den durchaus fordernden Stil des Autors scheint Assheuer zu schätzen. Kritikpunkte gibt es trotzdem: Gerade bei den Deutungen von Heideregger, Jünger, Schmitt, Nietzsche und Hölderlin läuft Bohrer mit seiner Geringschätzung des Christentums ins Leere, findet Assheuer. In einer Welt, die sich derzeit in Gewaltorgien geradezu suhlt, taugt die Feier des Dionysischen nicht mehr zur Aufschreckung der Wohlstandsbürger aus ihren Ohrensesseln, meint der Rezensent.