Kai Schlüter

Günter Grass im Visier

Die Stasi-Akte
Cover: Günter Grass im Visier
Ch. Links Verlag, Berlin 2009
ISBN 9783861535676
Kartoniert, 384 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

"Angefallen wegen Provokation" - so beginnt im August 1961 die Stasi-Akte von Günter Grass. Der Dichter hatte klare Worte gegen die Drangsalierung seines DDR-Kollegen Uwe Johnson gefunden. Wenig später verurteilt er in einem offenen Brief den Bau der Berliner Mauer. Seitdem ließ ihn der Geheimdienst nicht mehr aus den Augen, sammelte Material über ihn und die Gruppe 47 und überwachte ihn bei seinen Besuchen in der DDR. Die Kontrolle endete erst im Herbst 1989. Die von Kai Schlüter aufbereiteten Akten spiegeln ein wichtiges Stück deutsch-deutscher Zeitgeschichte, denn sie zeigen die oft abenteuerlichen Wege des heimlichen Literaturaustausches zwischen Ost und West, das Lavieren der offziellen Kulturpolitik und die Mechanismen der Überwachung. Ergänzt werden die Stasi-Materialien durch Dokumente und Fotos sowie ausführliche Kommentare von Günter Grass und den damals beteiligten Kollegen, die manches richtigstellen.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 24.03.2010

Fasziniert hat Joachim Güntner in dieser Auswahl aus Günter Grass' insgesamt 2200 Seiten starken Stasi-Akten gelesen, und er lobt den von Kai Schlüter herausgegebenen Band als gleichermaßen erhellendes Geschichts-, wie kurzweiliges "Lesebuch". Vor allem das darin dokumentierte couragierte Auftreten des Schriftstellers, der kaum je eine Gelegenheit ausließ, Missstände in der DDR zu kritisieren und der deshalb als besonders gefährlicher "Provokateur" und "Staatsfeind" galt, ringt dem Rezensenten Respekt ab. Man liest die Protokolle der Stasi mit Wut und irritierter "Belustigung" so Güntner, der zudem das Vorwort zum historischen Kontext von Schlüter und Zeitzeugenerinnerungen, nicht zuletzt von Grass selbst, als sehr informativ lobt.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 06.03.2010

Eher nicht als Kompliment gedacht war der Tarnname, den die Stasi dem nachmaligen Nobelpreisträger Günter Grass in den ihm gewidmeten Akten gab: "Bolzen". Respekt freilich, meint Andreas Platthaus, muss auch mitgespielt haben, was man schon daran sieht, dass die Beobachtungs- und Zuträgerdokumente nicht weniger als zweitausend Seiten umfassen. Und überhaupt scheint das Hauptgefühl, das nach Ansicht des Rezensenten aus ihnen spricht, eines der ziemlich nackten "Panik". Kompromisse nämlich machte Grass als hundertprozentiger Sozialdemokrat mit dem sozialistischen Osten an keiner Stelle. Die Editionsleistung des Herausgebers Kai Schlüter, der mit Grass für den Band eng zusammengearbeitet hat, kann Platthaus trotz kleiner Flüchtigkeitsfehler nur loben. Vor allem sei sie brandaktuell. Noch im Januar erst entdeckte Zeugnisse sind bereits eingearbeitet. Das Grass-Bild, das aus dieser verfremdeten Perspektive entsteht, sei übrigens nicht unbedingt "sympatisch", aber doch jederzeit "ehrenvoll".
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 05.03.2010

"Glasnost für alle Akten!", fordert Arno Widmann angesichts der von Kai Schlüter herausgegebenen und kommentierten Stasi-Akten von Günter Grass. Schlüters Veröffentlichung lobt der Rezensent, der zu gerne einmal ein Buch lesen würde, dass auch die Akten westlicher Geheimdienste fein säuberlich aufdröselt, besonders für seine Übersichtlichkeit und Systematik. Auf 2200 Seiten ist natürlich von den Heldentaten des von der Stasi als Provokateur und Konterrevolutionär eingestuften Grass die Rede, bemerkt Widmann spitz. Der Herausgeber macht in seinem Buch nicht nur die 109 Stasi-Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich, sondern bettet sie mithilfe von Einleitungen und Kommentaren von Zeitzeugen in die Zeitgeschichte ein, wie der Rezensent gelesen hat. Sehr eindrücklich zeigt der nach Meinung Widmanns "ausgezeichnete" Band so das persönliche Schicksal des politisch engagierten Autors und die beiden deutschen Staaten mit ihren unterschiedliche Auffassungen von Freiheit und Sozialismus.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 05.03.2010

Kai Schlüters Lesebuch zur Akte Grass zeigt dem Rezensenten den Autor von seiner besten Seite: als Freiheitskämpfer und Helfer Verfolgter. Die Machenschaften des MfS, die Schlüter aus den Akten, aus Zeitzeugeninterviews und -kommentaren destilliert, ergeben für Jens Bisky eine spannende, lehrreiche Lektüre in Sachen deutsche Literatur- und Teilungsgeschichte. Er lernt viel über die Furcht der Machthaber, die Farce und den Schrecken der Überwachung und den Mut und die Anpassung unter den Literaten, vor allem aber erkennt er die tragende Rolle, die Günter Grass bei der deutsch-deutschen Verständigung spielte. Einzelheiten über die massive Bespitzelung des Westliteraten, wie sie die Akten offenbaren, lösen bei Bisky mitunter wütendes Lachen aus. Eine Stärke des Buches, meint er: den Akten nicht das letzte Wort zu lassen.
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