Hans Werner Richter

Mittendrin

Die Tagebücher 1966-1972
Cover: Mittendrin
C. H. Beck Verlag, München 2012
ISBN 9783406638428
Gebunden, 382 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Hans Werner Richter (1908-1993) hat als Gründer und Organisator der Gruppe 47 das literarische Leben im Nachkriegsdeutschland entscheidend geprägt. Günter Grass, Heinrich Böll, Uwe Johnson, Ingeborg Bachmann, Martin Walser, Marcel Reich-Ranicki, Fritz J. Raddatz - sie alle kamen, wenn Richter rief. Völlig unbekannt war bisher, dass er ein Tagebuch geführt hat. Er selbst hatte dies mehrfach öffentlich bestritten. Dass seine Notizen mit dieser Edition erstmals der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden können, ist daher eine kleine literarische Sensation. Zwischen 1966 und 1972 hielt Hans Werner Richter seine Beobachtungen in losen Einträgen schriftlich fest. In diesen Jahren befand er sich als Gastgeber eines hauptsächlich von NDR und SFB ausgestrahlten politisch-literarischen Salons "mittendrin" im Kulturbetrieb und intellektuellen "juste milieu" der Bundesrepublik. In diese Zeit fällt der Auflösungsprozess der Gruppe 47, über deren Leistungen und Zukunft Richter intensiv nachdachte.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 04.12.2012

Die von Dominik Geppert herausgegebenen und laut Rezensent mit Sorgfalt kommentierten Tagebücher Hans Werner Richters aus den Jahren 1966 bis 1972 präsentieren Rainer Moritz Richter als Strippenzieher der literarischen Szene, Schlichter und Schmäher zugleich, dessen Urteile nicht von Pappe waren. Für Moritz ist die Lektüre ein Gewinn, verschafft sie ihm doch nicht nur Einblick in eine ferne Zeit. In ihren besten Momenten vermitteln Richters Tagebucheinträge ihm die Schrecken einer Autofahrt mit Karasek oder die zweifelhaften Genüsse Grass'scher Kochkünste.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 01.12.2012

Rezensent Jochen Hieber freut sich, dass die erst kürzlich in der Bibliothek des Politikwissenschaftlers Arnulf Baring wiedergefundenen Tagebücher Hans Werner Richters nun in einer vortrefflichen Edition der Germanisten Dominik Geppert und Nina Schnutz erschienen sind. Der Kritiker liest in den Tagebüchern, die der Gründer der Gruppe 47 in den Jahren 1966 bis 1972 verfasste, zwar wenig Privates, lobt aber umso mehr den unschätzbaren Wert dieser zeitgeschichtlichen Dokumente. Hieber erfährt hier, dass Richter, der dem Ende der Gruppe unglücklich entgegensah, insbesondere Hans Magnus Enzensberger als "Verräter" und "intellektuellen Kopf einer Literatenrevolution" für den Niedergang verantwortlich machte. Während der Kritiker mit Vergnügen auch die teilweise recht derben Charakterisierungen anderer Schriftsteller und Kritiker liest - Martin Walser etwa sei der "stilistisch Beste und politisch Dümmste" und Peter Handke der "Akrobat seines eigenen Ruhms" - erlebt er hier nicht zuletzt auch einen Schriftsteller, der sich traurig nach der Literatur der ersten Nachkriegsjahre sehnte.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 22.11.2012

Um was für ein außergewöhnliches Phänomen es sich bei der Gruppe 47 handelte, verdeutlicht Alexander Cammann, indem er zu Beginn seiner Rezension die Konstellation in die Gegenwart imaginiert, samt zeitgenössischer Autoren (von Burkhard Spinnen bis Nora Bossong) und Kritikern (von Scheck bis Lovenberg). Undenkbar wäre es heute, so sein Ergebnis, aber außergewöhnlich sei es auch damals gewesen. Einen aufschlussreichen Einblick in die Gruppe 47 bieten die Tagebücher ihres Initiators Hans Werner Richter, so der Rezensent. Zwar seien nur die Jahre 1966 bis 1972 erhalten, aber von einem Autor, der zeitlebens beteuert hatte, kein Tagebuch zu führen, ist deren Existenz eine angenehme und aufschlussreiche Überraschung mit Anekdoten und persönlichen Einschätzungen zu Walser, Grass, Johnson und Reich-Ranicki. So versammelt der von Dominik Geppert "mustergültig" edierte Band "viele erhellende Momentaufnahmen des kulturellen Establishments" der Nachkriegszeit.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 30.10.2012

Alles lange her, denkt Rezensent Helmut Böttiger, doch Wehmut mag bei ihm nicht so recht aufzukommen während der Lektüre von Hans Werner Richters Tagebuchaufzeichnungen aus den Jahren 1966-1972. Zwar schätzt er Richters Charakterisierungen von Zeitgenossen wie Enzensberger und Walser als journalistische Glanzstücke. Doch oft stört eben diesen Glanz ein Ressentiment des Autors. Laut Böttiger führt das wie im Fall Celan zu krassen Fehleinschätzungen. Außerdem kennt Böttiger viele von Richters politischen und gesellschaftlichen, zeitgeschichtlich, wie er findet, interessanten Einlassungen bereits aus der Briefedition von Sabine Cofalla. So hellsichtig ihm manches davon erscheint, vieles ist wirkt auch allzu zeitgebunden auf ihn oder ermüdend.
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