Jack Goody

Geschichte der Familie

Cover: Geschichte der Familie
C. H. Beck Verlag, München 2002
ISBN 9783406484391
Gebunden, 272 Seiten, 24,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Holger Fliessbach. Dieses Buch beschreibt anschaulich und allgemeinverständlich die Geschichte der Familie in Europa von der Antike bis zur Gegenwart. Ethnologische Vergleiche mit Familienstrukturen in Afrika und Asien zeigen, dass die "europäische Familie" trotz aller regionalen Unterschiede weltweit eine Besonderheit darstellt. Die von Kinder- und Gattenliebe geprägte Kernfamilie besteht schon seit der Antike. Trotzdem unterlag das häusliche Leben immer wieder Veränderungen, zu denen die Durchsetzung des Christentums und des Feudalismus, Renaissance und Reformation sowie - am einschneidendsten - die Industrielle Revolution beigetragen haben. Die letzten beiden Kapitel sind der Gegenwart der Familie gewidmet: Was steckt hinter der Behauptung, die Familie löse sich zunehmend auf? Welche Leitbilder hat die Familie in der Dienstleistungsgesellschaft?

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.07.2003

Die "Liebesehe" wird gerne als Errungenschaft der Neuzeit gesehen, während man allgemein davon ausgeht, in den archaischen Gesellschaften habe die "Vernunftehe" vorgeherrscht. Dies ist aber mitnichten so, meint Christian Geyer und sieht sich darin von dem vorliegenden Buch bestätigt. Zum einen weisen die Autoren darauf hin, dass Emotionen und materielle Interessen keinen Gegensatz darstellen müssen, erklärt unser Rezensent. Und zum anderen seien, und hier zitiert er die Autoren, "Emotionen wie Liebe kulturell wandelbare Konstruktionen sozialer Beziehungen". Auch könne "was aus Vernunft begann, in Liebe enden - und umgekehrt." Den kundigen Autoren sei eine breit angelegte Studie zur "Geschichte der Familie" gelungen. Und "die europäische Kernfamilie" hat ein Handbuch erhalten, freut sich Geyer.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.01.2003

Kathrin Kommerell leitet ihre Kritik mit dem etwas irritierenden Satz ein: "Es gibt saftige Bücher, die beim Lesen schmatzen, und es gibt Knäckebrotbücher". Die "Geschichte der Familie" des britischen Anthropologen Jack Goody ist für sie eindeutig ein Knäckebrotbuch: Hart, trocken, etwas bröselig, aber durchaus sättigend und vor allem gesund. Ausgangspunkt Goodys nüchterner Überlegungen, wie die Rezensentin ausführlich darlegt, ist die Auffassung von der Familie als einer Institution zur Wahrung des Besitzes. Regeln zu Ehe, Erbschaft, Mitgift oder Adoption erklärt er als Fragen der Kapitalübertragung. Die antiken Strategien der Besitzwahrung wurden durch die frühchristliche Kirche durchbrochen, jedoch nicht aus einer ethischen, sondern ebenfalls aus einer ökonomischen Logik. Das Kapital sollte auf möglichst wenige Hände verteilt werden, um am Ende im Kirchsäckel zu landen. So erklärt Goody den Kampf der Kirche gegen Wiederverheiratung von Witwen, Scheidung und Heirat unter Verwandten. Das scheint Kommerell alles ganz plausibel, zumindest legt sie keinen Widerspruch ein. Sie vermisst in Goodys Buch nur ein wenig Luft oder auch mal einen "Stahlträger" (im Knäckebrot!), um bei all den Fakten und Details den Argumentationsstrang nicht zu verlieren.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 24.08.2002

Hannelore Schlaffer dachte bei diesem Buch zugleich an Philippe Ariès "Geschichte der Kindheit" - jedoch handelt es sich bei Goodys Werk um eine, wie die Rezensentin leise bedauert, vergleichsweise spröde Angelegenheit. Kein literarischer Funkenschlag, stattdessen nüchterne Analyse im "trockenen Ton". Zwar schlägt Goody den Bogen von der Antike bis zur Gegenwart, das besondere Augenmerk aber gilt, so Schlaffer, der "antiken und frühchristlichen Familie". Wenig erhellend findet die Rezensentin, was Goody zur zeitgenössischen Familie zu sagen hat - aber auch seinen Thesen zu Antike und frühem Christentum gegenüber bleibt sie skeptisch. Goody versteht die Familie in erster Linie als Institut der Besitzstandswahrung, in der Antike möglichst innerhalb der Familie, im Christentum dann dränge sich, mit Macht, die Kirche zwischen die Familien. Schlaffer bemängelt, dass sich Goody zum einen ausschließlich auf Texte (meist juristischer Natur) bezieht, nicht auf "Relikte und Reliquien", und dass er zum anderen die Kern- und die Kleinfamilie nicht auseinander hält.