Robert I. Moore

Die erste europäische Revolution

Gesellschaft und Kultur im Hochmittelalter
Cover: Die erste europäische Revolution
C. H. Beck Verlag, München 2001
ISBN 9783406472145
Gebunden, 348 Seiten, 27,90 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Peter Knecht. Das 11. und 12. Jahrhundert waren geprägt von einer bis dahin nie gekannten Bautätigkeit, vor allem im Norden des ehemaligen Karolingerreichs. Mit den zahlreichen Stadtgründungen ging der Kirchen- und Kathedralenbau einher. Diese "urbane Revolution" war Ergebnis radikaler gesellschaftlicher Umbrüche. Erst jetzt wurde die antike Gesellschaftsstruktur auf breiter Front von der neuen feudalen Ordnung abgelöst, die bis zur Französischen Revolution - in vielen Gebieten noch länger - Bestand haben sollte. Damit eng verzahnt war der fundamentale Wandel von Wirtschaft, Politik und Religion. Die Intensivierung der Heiligenverehrung, die Verfolgung von Ketzern und Juden, die Durchsetzung des priesterlichen Zölibats und die Stärkung päpstlicher Macht sind Teil dieser ersten europäischen Revolution.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25.07.2001

Christoph Albrecht veranschaulicht Moores Thema, nämlich die politisch-gesellschaftliche Atmosphäre der Zeit zwischen dem 10. und 13. Jahrhundert, mit einem Zitat aus Strickers "Die Grauhühner" (entst. um 1240), die kurz mit den Schlagworten "Divide et impera" und/oder "Mit Zuckerbrot und Peitsche" zu umreißen ist. Der Inhalt der Beck-Neuerscheinung: Eine Woge von Gewalt und Intelligenz brachte Europa die Feudalgesellschaft, somit Recht, Ordnung, Hierarchie, Zivilisation und Fortschritt. Träger seien "eine Elite junger Männer: Krieger und vor allem Kleriker ..." gewesen. Zwischen Wertneutralität und Anerkennung pendelnd bezeichnet Albrecht diese Übersetzung aus dem Englischen als "spannende Analyse der geschichtlichen Maschinerie". Dass der Autor für die gesellschaftliche Umwälzung in Europa den Begriff Revolution verwendet, wird vom Rezensenten vorsichtig in Frage gestellt. Offenbar von hoher Stringenz und Logik ist von der Untersuchung Moores zu hoffen, dass sie kritische Distanz zu einer eventuellen Gewalt- und Männlichkeitsverherrlichung nicht vermissen lässt.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 28.06.2001

Der Autor, schreibt Thomas Krüger, hätte es so einfach haben können: Die wissenschaftliche Fakten-, Forschungs- und Diskussionslage umgangen und mit einer dominanten programmatischen Leitlinie munter drauflos geschlussfolgert. Allein der Autor ist nicht so. Dass es ihm nicht in erster Linie darum geht, den Revolutionsbegriff innerhalb der europäischen Geschichte zu rechtfertigen und er stattdessen "sehr profund" über die "Gesellschaft und Kultur im Hochmittelalter" schreibt und eine "detailreiche Analyse der gesellschaftlichen Umwälzungen im postkarolingischen Europa" bietet, rechnet Krüger ihm hoch an. Die Mikroprozesse im Gefüge dieser Veränderungen hat der Autor dem Rezensenten "detailliert und sehr einleuchtend" nahegebracht.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.05.2001

Valentin Groebner stellt voll Anerkennung einige der wichtigen Thesen und Ergebnisse dieses Buches dar. Nicht zu Unrecht trage das Buch den Titel "Die erste europäische Revolution", weil es zeige, wie die sozialen und ökonomischen Strukturen, die Europa bis zur französischen Revolution prägten, in einer Welle vom 10. bis 13. Jahrhundert entstanden sind und nicht schon immer da waren. Mit dieser umgreifenden Veränderung sei schließlich auch die Antike endgültig zu Ende gegangen. Die Darstellung der verschiedenen organisatorischen, institutionellen und sozialen Aspekte dieser Periode sei "eine glänzende Zusammenschau der Arbeiten einer ganzen Historikergeneration". Mit Nachdruck fasse Moore den Transformationsprozess als sozioökonomischen auf und wirke einem romantischen Mittelalterbild entgegen, wenn die brutalen Aspekte des Kathedralenbaus betont. Weiterhin behandle der Autor den Aufstieg der Intellektuellen (der "clerici") im späten Mittelalter und diese seien, wie Groebner anmerkt, die eigentlichen Protagonisten der dargestellten Revolution. Zum Schluss weist der Rezensent auf ein krudes Merkmal der scholastischen Definierungsleistungen hin: ohne die Dialektik, also der systematischen Gegenübersetzung seien Definitionen nicht möglich. Und damit wurden sehr deutlich die äußeren Feinde des christlichen Mittelalters festgelegt: Ketzer, Juden und Muslime.