Lyndal Roper

Der Mensch Martin Luther

Die Biografie
Cover: Der Mensch Martin Luther
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2016
ISBN 9783100660886
Gebunden, 736 Seiten, 28,00 EUR

Klappentext

Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller. Lyndal Roper hat sich aufgemacht, Luthers ganze Persönlichkeit zu verstehen, seine innere Welt und die Beziehungen zu seinen Freunden nachzuvollziehen. Dafür hat sie seine Schriften und vor allem seine Briefe noch einmal neu gelesen und in den Archiven vor Ort (u.a. Wittenberg, Mansfeld, Leipzig, Eisenach) über zehn Jahre hinweg zahlreiche Dokumente über Luther und sein Umfeld zusammengetragen und ausgewertet. Sie schildert den Reformator als Mann, der mit beiden Beinen im Leben stand, als Menschen aus Fleisch und Blut. Für Luther waren der Körper und die Sexualität Teil des Mensch-Seins, er wollte den Körper vom Makel der Sünde befreien. Sein Glaube an die Einheit von Körper und Geist führt zum Kern seiner Theologie, der zu einem der großen Streitpunkte des Christentums werden sollte: Luthers unumstößliche Überzeugung, dass Christus bei der Eucharistie leibhaftig anwesend ist.

Rezensionsnotiz zu Die Welt, 29.10.2016

Die Luther-Biografie der australischen Historikerin Lyndal Roper darf von nun an gern in einem Atemzug mit dem ebenfalls religionsgeschichtlich geprägten Standardwerk Julius Köstlins genannt werden, versichert Tilman Krause. Mit großer Bewunderung stellt der Kritiker fest, wie souverän die Autorin das unendliche Material, darunter auch Aussagen und Dokumente von Zeitgenossen, systematisch durchdrungen hat, um Luthers Seelenlandschaft mit besonderem Blick auf den Aspekt der Körperlichkeit zu beleuchten. So liest der Rezensent hier etwa, wie erfreut Luther notierte, sein Erstgeborener habe "in jeden Winkel gekackt" oder wie er sich die Hämorrhoiden aufkratzte, um den eigenen Blutfluss zu befördern. Darüber hinaus erfährt Krause, wie insistierend Luther die christliche Leibfeindlichkeit ablehnte und wie intensiv er sich mit Sexualität beschäftigte. Auch Ropers Ausführungen zu Luthers Rebellion gegen den Vater und die Entscheidung für die spirituelle Sphäre der Mutter haben den Kritiker überzeugt. Endgültige Erklärungen für Luthers Judenhass, seine "pathologische Verbohrtheit" und das "Sichsuhlen in eliminatorischen Fäkalfantasien" kann ihm die Autorin allerdings auch nicht liefern.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.10.2016

Rudolf Neumaier ist begeistert von Lyndal Ropers Luther. Die in Oxford lehrende australische Historikerin betrachtet wie so viele vor ihr Luthers Vita von der Wiege bis zur Bahre, meint Neumaier, doch geschichtswissenschaftlich erhellend, analytisch, sezierend wie noch nie. Nicht nur erfährt der Rezensent, wie Luther wurde, was er war, er lernt den derben Gottesmann auch direkt aus den Quellen kennen, aus Briefen und Handschriften. Für Neumaier ein seltenes Glück, da Historiker das Quellenstudium immer mehr scheuen, wie er schreibt. Nicht so Roper, meint er. Gefühle und Begebenheiten im Leben Luthers schildert ihm die Autorin in aller Präzision und Deutlichkeit und versehen mit jeder Menge Zusatzinformationen in den Fußnoten. Über Luthers Meinung zum Wünschelrutengebrauch, seine Ehe oder die Wirtshauskeilereien seines Vaters erfährt Neumaier auf die Art zum ersten Mal und aufs Verlässlichste.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.10.2016

Der hier rezensierende Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann hält Lyndal Ropers Biografie über Martin Luther für das Ergebnis intensiver Forschungsarbeit. Unter Berücksichtigung der zeitgenössischen Drucke und der Forschungsliteratur und der Anwendung handwerklicher Standards erweitert die Historikerin in bedeutender Weise und souverän das Spektrum der Fragestellungen und Methoden ihrer Disziplin im Allgemeinen und der Luther-Forschung im Speziellen, findet er. Kaufmann stößt auf originelle Perspektiven und Akzente, wie den Blick auf das mansfeldische Bergbaumilieu, Luthers Lebensfreundschaften oder seine Wahrnehmung der Körperlichkeit. Auch wenn sich der Rezensent über manch makrohistorisches Narrativ im Band wundert, faszinierend findet er, wie Roper Luther mittels seiner Briefe kontextualisiert, seine Sprache analysiert, seine publizistische Wirkung ermisst oder das Irrationale an Luthers Theologie erkundet. Ropers Luther ist dem Rezensenten auf überraschende Weise weniger unsympathisch als erwartet. Grenzen der Biografie erkennt Kaufmann, wenn Roper Luthers Beziehung zu seinem Vater psychoanalytisch zu deuten versucht. Immer wenn die Autorin in eingängiger Sprache den Menschen Luther zeigt, als Briefeschreiber, Ehemann, Vater, Beter, scheint die Lektüre für den Rezensenten gewinnbringend.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 13.10.2016

Nach fünfhundert Jahren ist die erste Luther-Biografie einer Frau erschienen und die hat es in sich, versichert Rezensentin Elisabeth von Thadden. Denn die in Oxford lehrende Historikerin Lyndal Roper hat nicht nur mehr als zehn Jahre in der ostdeutschen Provinz geforscht und gängige Biografien um wesentliche sozialgeschichtliche Aspekte erweitert, sondern auch als eine der ersten Wissenschaftlerinnen den Versuch unternommen, Luther leibseelisch zu begreifen, informiert die Kritikerin. Herausgekommen ist eine faszinierende, auf psychohistorischer Grundlage entstandene, monumentale Studie, die nicht nur die Widersprüche der Person Luthers umfasst, sondern die Geschichte der Reformation als Körpergeschichte neu schreibt, fährt Thadden fort. Neben wesentlichen Gedanken Luthers zu Sexualität, Körperlichkeit, Teufel und Ehe erfährt die Rezensentin hier auch in aller Deutlichkeit wie "ekelhaft" und tiefgreifend Luthers Judenhass tatsächlich gewesen ist.