Aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee. Denkt man an ein märchenhaftes Schicksal, so kommt man nicht sofort auf Kurtisanen und Frauenhandel, doch es ist tatsächlich ein alter koreanischer Mythos, der diesem Roman zugrunde liegt. Darin entführt Hwang Sok-Yong den Leser in das Asien des 19. Jahrhunderts, in eine Welt des Opiumhandels und der Prostitution: Von der Stiefmutter verkauft, findet sich die 15 Jahre alte Shim Chong plötzlich als Zweitfrau eines alten Chinesen wieder. Lenhwa, Lotosblüte, heißt sie jetzt, und alles ist so furchtbar anders, als sie es gewohnt ist. Viel zu essen hatte sie nie, und Betteln war ihr täglich Brot, denn sie diente ihrem blinden Vater als Augenpaar, doch der Alltag in dem fremden Haushalt kommt ihr erst recht vor wie ein böser Traum. Als ihr Ehemann stirbt, wird ihr schmerzlich bewusst, dass dies für sie nur die erste Station einer Odyssee ist, die sie, als Handelsware missbraucht, von den Ufern des Gelben Flusses über Shanghai, Taiwan und Singapur bis in das Land der Geishas führen soll. Nach unzähligen sinnlichen wie schmerzvollen Erfahrungen entdeckt Shim Chong eines Tages die Macht ihres Körpers und nimmt ihr Leben in die eigenen Hände.
Rezensionsnotiz zu
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.09.2019
Recht sachlich und nacherzählend bespricht Steffen Gnam diesen Roman, der doch alle Zutaten zu einer echten Räuberpistole hat: eine Prostituiertengeschichte vor dem Hintergrund der Opiumkriege einer Hafenbeleuchtung, "deren Schimmer sich auf dem Wasser ausbreitete wie Chinatinte auf Maniokpapier", wie Gnam den Autor zitiert. Es ist ein Roman über Macht, so Gnam, aber auch über verkehrte Verhältnisse, und sicher auch ein Roman, der den atemlosen Leser ein bisschen die Geschichte Ostasiens im Griff des westlichen Kolonialismus zeigt, der zugleich Unterdrückung, aber auch Befreiung aus alten Mustern bedeutete.
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