Heinrich Breloer (Hg.)

Geheime Welten

Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1947
Cover: Geheime Welten
Die Andere Bibliothek/Eichborn, Frankfurt am Main 1999
ISBN 9783821841816
gebunden, 340 Seiten, 22,50 EUR

Klappentext

An deutschen Lebenszeugnissen aus der Zeit des Nationalsozialismus und des sogenannten "Zusammenbruchs" fehlt es nicht. Aber die meisten stammen von Journalisten, Wissenschaftlern, Schriftstellern, Politikern, die meist als Täter, seltener als Opfer in die Nähe der Macht kamen. Das eigentliche Rätsel ist aber das Verhalten der ganz gewöhnlichen Leute. Heinrich Breloer hat eine riesige Sammlung von privaten Tagebüchern zusammengetragen. Es sind naive, völlig ungeschützte Äußerungen, die nie zur Veröffentlichung gedacht waren und die eine Innenansicht vom Geisteszustand der Deutschen bieten. Faksimiles der Tagebücher und private Fotos der Verfasser ergänzen die Texte.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 09.12.1999

Weit ausgeholt hat Hansjörg Graf in seiner Beschäftigung mit dem vorliegenden Tagebuchmaterial und dafür Reflexionen literarischer Tagebuchschreiber wie Kaschnitz und Kierkegaard herangezogen. So geht er der Frage nach, welchen Stellenwert das Geschriebene für die Schreiber und für die Nachwelt hat, diskutiert Authentizität, Selbstbegegnung und spätere Wertung als wichtige Grundfragen des Projekts, das, wie er meint, zur "deutschen Mentalitätsgeschichte" Wichtiges beiträgt. Nur wenige Zitate erhellen, was da tatsächlich geschrieben steht; Aussagen des "korrumpierten Denkens" und - in den dazugegebenen Gesprächen Breloers mit den Schreibern - ein deutliches Selbstwertgefühl der Zeitzeugenschaft. In der Besprechung bleibt leider unklar, inwiefern diese zwölf vorgelegten Tagebücher eine Neuauflage der Buchausgabe von 1984 sind (die 24 Quellen bot und als Nachtrag und Ergänzung der 1979 - 1982 laufenden, zehnteiligen Fernsehserie "Mein Tagebuch" herauskam) und ob die zwölf Tagebücher vollständig abgedruckt sind (einmal schreibt Graf von Exzerpten).
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.1999

Jochen Hörisch bespricht in einer Sammelrezension drei Bücher, die die Schrecken der Bombennächte während des Zweiten Weltkriegs zum Thema haben. Dabei geht der Rezensent besonders der Frage nach, inwieweit dieses Thema literaturfähig ist und welche Versuche es gibt, dem Grauen dieser Nächte Ausdruck zu verleihen.
1) Heinrich Breloer (Hrsg.): "Geheime Welten - Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1947" (Eichborn-Verlag).
Breloers Veröffentlichung wird hier nicht detailliert besprochen. Hörisch weist jedoch auf dieses Buch hin, um den Stellenwert von Ledigs Roman "Vergeltung" besser ermessen zu können. Die Tagebuchaufzeichnungen "normaler" Leute zeigen in Hörischs Augen vor allem die Hilflosigkeit, die Erlebnisse der Bombennächte in Worte zu fassen ("Ach, was ich alles sah! Bilder des Schreckens und der Zerstörung.") und können daher nicht an Ledigs eindringliche Schilderungen heranreichen.
2) W.G. Sebald: "Luftkrieg und Literatur" (Hanser Verlag).
Auch Sebalds Buch wird nur am Rande gestreift. Hörisch macht darauf aufmerksam, dass es sich hierbei um eine Veröffentlichung von Sebalds (überarbeiteten) Zürcher Poetikvorlesungen handelt. Diese Vorlesungen hätten seinerzeit für viel Beachtung gesorgt, weil Sebald der Ansicht ist, dass die Erlebnisse in Bombennächten eben nicht literaturfähig seien. Als "Gegenbeweis" wurde dabei von Diskussionsteilnehmern Gert Ledigs Roman "Vergeltung" ins Spiel gebracht.
3) Gert Ledig: "Vergeltung" (Suhrkamp-Verlag).
"Vergeltung" schneidet in Hörischs Augen eindeutig am besten ab. Ledigs Schreibweise habe auch mehr als fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Bestand. Hörisch begrüsst, dass durch die Neuauflauge dieses Buches das Thema nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird. Ledigs bisweilen sehr sachliche Schilderungen (beispielsweise von erstickten Kindern, die vom Luftdruck gegen Mauern geschleudert werden, von deren Müttern, die man - wenn überhaupt - nur zerquetscht unter Trümmern finden kann) sind in den Augen des Rezensenten "Trümmerliteratur in jedem Wortsinne". Es sei eine Literatur, die der Welt der Zerstörung durchaus etwas entgegen zu setzen habe.