Gert Ledig

Vergeltung

Roman
Cover: Vergeltung
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1999
ISBN 9783518410646
gebunden, 198 Seiten, 16,36 EUR

Klappentext

Das Horrorszenario eines alliierten Luftangriffs auf eine deutsche Stadt im Juli 1944, verdichtet auf den Zeitraum einer Stunde, ein atemloses Durch- und Nebeneinander: Ein Vater scheitert auf der Suche nach seinen Kindern, im selben Moment wird eine junge Frau mit einem wildfremden Mann verschüttet. Gerd Ledigs Roman "Vergeltung" erschien 1956 zum ersten Mal. Das Buch hatte beträchtlichen Erfolg, wurde dann aber vergessen. Ledig erinnert den Krieg zu einer Zeit, als Heinrich Böll, Wolfgang Koeppen oder Günter Grass längst die bundesrepublikanische Wirklichkeit zeichnen.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 21.02.2000

Uwe Pralles Rezension, die ein Porträt Gerd Ledigs einschließt, ist bitter: Er nimmt immer noch übel, dass "Vergeltung" bei seinem Erscheinen 1956 von den "Studienräten des Wirtschaftswunder-Feuilletons" verrissen wurde. Die Herren von "Welt", "Tagesspiegel", "Zeit" und "Rheinischem Merkur" hätten wohl sofort gewittert, dass Ledigs harte "Körpersprache der Gewalt" die "Kriegsheimkehrer-Schauerromantik à la Wolfgang Borchert gründlich desavouierte". Schade, dass Pralle nicht erwähnt, wie die Besprechung in der Frankfurter Rundschau war. Sehr anschaulich beschreibt der Rezensent wie Ledig knapp und präzise die "körperlich-affektiven Reflexe auf die hereingebrochene Gewalt" darstellt - eine Erfahrung, die elf Jahre nach Kriegsende noch unmittelbar in den Körpern der Leser steckte. Dass Suhrkamp den Roman jetzt neu herausbringt, ist Pralle zum Schluss kein Lob wert - denn wo sind "Die Stalinorgel" und "Faustrecht", die anderen beiden Romane Ledigs?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.10.1999

Jochen Hörisch bespricht in einer Sammelrezension drei Bücher, die die Schrecken der Bombennächte während des Zweiten Weltkriegs zum Thema haben. Dabei geht der Rezensent besonders der Frage nach, inwieweit dieses Thema literaturfähig ist und welche Versuche es gibt, dem Grauen dieser Nächte Ausdruck zu verleihen.
1) Gert Ledig: "Vergeltung" (Suhrkamp-Verlag).
"Vergeltung" schneidet in Hörischs Augen eindeutig am besten ab. Ledigs Schreibweise habe auch mehr als fünfzig Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg Bestand. Hörisch begrüsst, dass durch die Neuauflauge dieses Buches das Thema nicht so schnell in Vergessenheit geraten wird. Ledigs bisweilen sehr sachliche Schilderungen (beispielsweise von erstickten Kindern, die vom Luftdruck gegen Mauern geschleudert werden, von deren Müttern, die man - wenn überhaupt - nur zerquetscht unter Trümmern finden kann) sind in den Augen des Rezensenten "Trümmerliteratur in jedem Wortsinne". Es sei eine Literatur, die der Welt der Zerstörung durchaus etwas entgegen zu setzen habe.
2) W.G. Sebald: "Luftkrieg und Literatur" (Hanser Verlag).
Sebalds Buch wird nur am Rande gestreift. Hörisch macht darauf aufmerksam, dass es sich hierbei um eine Veröffentlichung von Sebalds (überarbeiteten) Zürcher Poetikvorlesungen handelt. Diese Vorlesungen hätten seinerzeit für viel Beachtung gesorgt, weil Sebald der Ansicht ist, dass die Erlebnisse in Bombennächten eben nicht literaturfähig seien. Als "Gegenbeweis" wurde dabei von Diskussionsteilnehmern Gert Ledigs Roman "Vergeltung" ins Spiel gebracht.
3) Heinrich Breloer (Hrsg.): "Geheime Welten - Deutsche Tagebücher aus den Jahren 1939 bis 1947" (Eichborn-Verlag).
Auch Breloers Veröffentlichung wird hier nicht detailliert besprochen. Hörisch weist jedoch auf dieses Buch hin, um den Stellenwert von Ledigs Roman "Vergeltung" besser ermessen zu können. Die Tagebuchaufzeichnungen "normaler" Leute zeigen in Hörischs Augen vor allem die Hilflosigkeit, die Erlebnisse der Bombennächte in Worte zu fassen ("Ach, was ich alles sah! Bilder des Schreckens und der Zerstörung.") und können daher nicht an Ledigs eindringliche Schilderungen heranreichen.