David Blackbourn
Die Deutschen in der Welt
Siedler, Händler, Philosophen: Eine globale Geschichte vom Mittelalter bis heute

Deutsche Verlags-Anstalt (DVA), München 2024
ISBN 9783421048899
Gebunden, 1008 Seiten, 42,00 EUR
ISBN 9783421048899
Gebunden, 1008 Seiten, 42,00 EUR
Klappentext
Aus dem Englischen von Klaus-Dieter Schmidt. Mit zahlreichen Abbildungen. Wie lebten Deutsche in Minnesota, in Südaustralien, in Liverpool oder im brasilianischen Rio Grande, wie prägten sie die dortige Kultur, zum Guten und zum Schlechten?Wer deutsche Geschichte erzählt, bewegt sich zumeist in den Grenzen der Staatsnation, oder konzentriert sich auf die deutsche Gewaltherrschaft und Eroberungsgeschichte des 20. Jahrhundert mit ihren Folgen bis heute. David Blackbourn beweist mit seinem Buch, wie kurz diese Perspektive greift. Er wählt einen globalen Ansatz und zeigt, wie seit rund fünfhundert Jahren Menschen, Güter, Erfahrungen und neue Ideen aus Deutschland in vielfältiger Weise mit der ganzen Welt verbunden waren. Blackbourn blickt nach Amerika und Asien, nach Afrika und ins restliche Europa, er erzählt Geschichten von Händlern und Missionarinnen, von Siedlern und Wissenschaftlerinnen, Entdeckern, Denkern und Söldnern. Ein neuer Blick auf Deutschland, der zeigt, dass man nicht nur eine Weltgeschichte der Spanier, der Franzosen oder der Engländer schreiben kann - sondern auch eine faszinierende deutsche Geschichte aus globaler Sicht.
BuchLink. In Kooperation mit den Verlagen (Info)
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.05.2025
Eine lesenswerte Intervention in geschichtswissenschaftliche Diskurse legt David Blackbourn laut Rezensent Gerrit Tiefenthal hier vor. Insbesondere, lernen wir, wendet sich Blackbourne gegen die These eines deutschen Sonderwegs, keineswegs war Deutschland das einzige Land, das durch eine autoritäre Einigung von oben zur Nation wurde, weshalb diese Eigenheit auch nicht den späteren Verlauf der Geschichte erklären kann. Was die Analyse der NS-Zeit angeht, so wendet sich Blackbourn tendenziell gegen die Singularitätsthese, stellt Tiefenthal klar, es gibt für ihn viele Parallelen - und freilich auch ein paar Unterschiede - zwischen der kolonialistischen Gewalt anderer europäischer Länder und den deutschen Verbrechen an Juden und Slawen. Teils wird der Verweis auf den Holocaust als einzigartiges Menschheitsverbrechen als Entschuldung anderer Schrecknisse benutzt, glaubt Blackbourn mit Blick zum Beispiel auf Churchill. Der Rezensent wiederum scheint mit Blackbourns Versuch, die Debatten über Erinnerungskultur auf rituelle Beschwichtigungen zu verkürzen, zu sympathisieren, auch wenn er inhaltlich nicht unbedingt immer mit diesem Buch übereinstimmt.
Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 21.12.2024
Der hier rezensierende Politologe Herfried Münkler findet in David Blackbourns Buch einen vielleicht ungewohnten, aber allemal ertragreichen Blick auf die Geschichte Deutschlands - bzw. eher die Geschichte "der Deutschen" in der Welt, wie der übersetzte Titel für ihn treffend spezifiziert. Denn es geht bei Blackbourn weniger um die politische Geschichte des Staates, sondern eher um die Art und Weise, wie einzelne Deutsche, zum Beispiel Auswanderer oder Händler, am globalen Geschichtsverlauf beteiligt waren. Diesen speziellen global-komparativen Ansatz (dem der Kritiker auch die amerikanisch geprägte Sichtweise des in den USA lehrenden Briten anmerkt) findet Münkler insofern sinnvoll, als dadurch nicht nur die politische, sondern auch die wirtschaftliche und kulturelle Dimension in den Blick gerät, und auch, weil sie sich gewissen Trampelpfaden der deutschen Geschichtsschreibung, zum Beispiel der Behauptung eines "deutschen Sonderwegs", entzieht. Auch dass Blackbourn im umfangreichsten Teil seiner Studie, dem zum 20. Jahrhundert, auf die Mitschuld anderer Nationen am Holocaust verweist, hat für den Kritiker nichts mit Relativierung zu tun, sondern mit einer strikt komparativen Perspektive, die der Kritiker gerade für ihre "Kühle und Distanz" zu schätzen scheint. Eine detaillierte und breite Studie eines Experten, die auch einiges über die vieldiskutierte "deutsche Identität" lehren könne, schließt Münkler.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 19.12.2024
Ein materialreiches und insgesamt sehr interessantes Buch legt der Historiker David Blackbourn laut Rezensentin Edelgard Abenstein hier vor. Es beschäftigt sich mit Deutschen, die in die Welt hinaus ziehen und setzt früh, nämlich in der Zeit Karl V. an. Wobei es Blackbourn weniger um Herrscherpersönlichkeiten geht, als um ganz alltägliche Schicksale zum Beispiel von Kanonieren auf spanischen Schiffen, oder von Siedlern in Amerika, deren Lebensläufe durch Briefe oder Tagebücher erschlossen werden, erklärt die Rezensentin. Die der jüngeren Vergangenheit gewidmeten Abschnitte findet Abenstein systematischer geschrieben, aber nicht mehr gleichermaßen anschaulich. Dass Blackbourn den Deutschen die Fähigkeit zuschreibt, aus den Katastrophen in ihrer Geschichte zu lernen, gefällt ihr, auch weil das Buch damit ein optimistisches Ende nehme.
Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk, 03.12.2024
Durchaus begeistert berichtet Winfried Dolderer über dieses Buch des amerikanischen Historikers David Blackbourn, der sich sein ganzes Forscherleben lang mit Deutschland befasst hat. Tausend Seiten, aber gut gegliedert und flüssig zu lesen, verspricht er. Es handelt sich um eine Art Globalgeschichte der deutschen Nation, denn gerade für die deutsche Geschichte gilt ja, dass nicht die Nation als durchorganisierter Raum der selbstverständliche Rahmen von Geschichte sei, so der Rezensent. Wir erfahren, dass zahlreiche Deutsche etwa eine wesentliche Rolle bei der Entdeckung Südamerikas und Afrikas spielten. Das schließt allerdings den Sklavenhandel ein, auf den Blackbourn ausführlich einzugehen scheint. Ob in dem Buch auch von den vielen deutschen Ansiedlungen in Osteuropa und bis in die Tiefen des russischen Reichs die Rede ist, spricht der Rezensent nicht an. Auf jeden Fall verspricht er eine lehrreiche und spannende Lektüre.
Themengebiete
Kommentieren
