Gudrun Ensslin

'Zieht den Trennungsstrich, jede Minute'

Briefe an ihre Schwester Christiane und ihren Bruder Gottfried aus dem Gefängnis 1972-1973
Cover: 'Zieht den Trennungsstrich, jede Minute'
Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2005
ISBN 9783894582395
Kartoniert, 198 Seiten, 15,00 EUR

Klappentext

Herausgegeben von Christiane und Gottfried Ensslin. Mit Fotos, Dokumenten und Faksimiles im Text und auf Tafeln. Am 7. Juni 1972 wurde Gudrun Ensslin, Mitbegründerin der RAF, in Hamburg festgenommen und in der JVA Essen inhaftiert. Während ihrer Haft in Essen hat sie etwa 50 Briefe an ihre Geschwister Christiane und Gottfried geschrieben. Diese Briefe zeichnen ein differenziertes Bild Gudrun Ensslins: als Strafgefangene und politische Kämpferin, aber auch als interessierte, ratgebende und liebevolle Schwester. Es geht um Privates, Politisches und Familiäres, um Bücherwünsche und Bedürfnisse des Alltags, um marxistische Theorie und Praxis und um die Schikanen von Anstaltsleitung und Justiz.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 03.08.2005

Ziemlich aufschlussreich findet Rudolf Walther Gudrun Ensslins Briefe an ihre Eltern. Einerseits gaben sie ihm Einblicke in das groteske Gezänk, das Ensslin mit der Gefängnisleitung führte, etwa als sie ein halbes Jahr auf ihre Wimperntusche warten musste - Walther sieht hier ein schikanöses Regime wirken. Eher peinlich berührt ist Walther allerdings von Ensslins theoretischen Auslassungen. Zwar habe sie durchaus Lukacs, Luxemburg Benjamin und Marx gelesen, aber viel scheint das nicht bewirkt zu haben. Ihre politischen Äußerungen a la "Wenn Du aufhörst Ware zu sein, beginnst Du Mensch zu sein" findet Walther erschütternd hausbacken und banal.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 25.05.2005

Gudrun Ensslin war doch eher - und anders als es das "Baader-Meinhof-Label" suggeriert - die zentrale Figur des RAF-Gründertrios, behauptet Gerd Koenen, selbst Autor eines Buches, das Gudrun Ensslin ins Visier nimmt ("Vesper, Ensslin, Baader"). Aus den Gefängnisbriefen an ihre Geschwister werde Gudrun Ensslins Charisma und Familieninstinkt deutlich, die auch den Findungsprozess der Gruppe vorantreiben halfen; man höre aber auch bereits die existenzialistische Kassibersprache der späten Haftjahre heraus, so Koenen. Bestimmte Muster ließen sich nun bis in den frühen Tagebuchaufzeichnungen und Briefe der 60er Jahre zurückverfolgen. Die Lektüre der Briefe veranlasst Koenen zu der Feststellung, mit der "Allerweltsformel vom protestantischen Rigorismus" sei "wenig gewonnen". Ensslin ziehe "alle Register", argumentiere mit Marx und Fanon, Schiller und Kierkegaard, erzeuge einen suggestiven Sound, dem sich selbst Leser von heute nur schwer entziehen könnten. Das Predigen konnte Ensslin wohl trotzdem nicht ganz lassen, gesteht Koenen, denn die Zielrichtung ihrer Briefe an die beiden Geschwister sei gewesen, sie für den bewaffneten Kampf zu gewinnen. Diesen Bruch mit ihrer "bürgerlichen Existenz" haben Christine und Gottfried Ensslin nie vollzogen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.05.2005

Es sei immer am hilfreichsten, zu Originaldokumenten zu greifen, schickt Gottfried Oy seiner Besprechung von Gudrun Ensslins Gefängnisbriefen voraus, gerade wenn der Ton in der öffentlichen Debatte wie um die RAF-Ausstellung in Berlin aufgeregt oder schrill zu werden drohe. Der schmale Band mit den Briefen an Gudrun Ensslins Geschwister Christiane und Gottfried sei keine rührselige Memoiren- oder plume Agitpropliteratur, sondern ein eher banaler Briefwechsel, der allerdings durch seine Umstände "alles andere als banal" gewesen sei. Auch Gudrun Ensslins Geschwister waren politisch aktiv; die eine im "Komitee gegen Isolationshaft", der andere in der Schwulenbewegung. In den Briefen wurde durchaus politisch diskutiert, hält Oy fest; Gudrun Ensslin kritisierte ihren Bruder für ein Thesenpapier zur Lage der Homosexuellen und versuchte ihm eine marxistische Sicht der Dinge nahezubringen. Homosexualität war für sie nur in Hinsicht auf die damals aufkommende Randgruppentheorie interessant, merkt Oy kopfschüttelnd an und sieht sich mit einer einerseits existenzialistischen und andererseits romantischen Politiksprache konfrontiert, an der linke Politik seines Erachtens teilweise heute noch "krankt".
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