Grégoire Chamayou

Die unregierbare Gesellschaft

Eine Genealogie des autoritären Liberalismus

Klappentext

Aus dem Französischen von Michael Halfbrodt. Die 1970er Jahre wurden von einer gigantischen "Regierbarkeitskrise" erschüttert: Die Wirtschaftswelt hatte mit massiver Disziplinlosigkeit der Arbeiter zu kämpfen, aber auch mit der so genannten "Managerrevolution", mit bisher beispiellosen ökologischen Massenbewegungen und neuen Sozial- und Umweltvorschriften. Politisch geäußerte Ansprüche immer zahlreicher werdender sozialer Gruppen drohten in den Augen der herrschenden Eliten aus Wirtschaft und Politik die Gesellschaft unregierbar zu machen. Der französische Philosoph Grégoire Chamayou porträtiert in seinem Buch dieses Krisenjahrzehnt als den Geburtsort unserer Gegenwart - als Brutstätte eines autoritären Liberalismus. Zur Abwehr der Bedrohung wurden in wirtschaftsnahen Kreisen neue Regierungskünste ersonnen, die beispielsweise einen Krieg gegen die Gewerkschaften, den Primat des Shareholder Value sowie eine Entthronung der Politik vorsahen. Der damit seinen Siegeszug antretende Neoliberalismus war jedoch nicht durch eine einfache "Staatsphobie" bestimmt. Die Strategie zur Überwindung der Regierbarkeitskrise bestand vielmehr in einem autoritären Liberalismus, bei dem die Liberalisierung der Gesellschaft eine Vertikalisierung der Macht impliziert: Ein "starker Staat" für eine "freie Wirtschaft" wird zur neuen Zauberformel unserer kapitalistischen Gesellschaften.

Rezensionsnotiz zu Deutschlandfunk Kultur, 08.11.2019

Jens Balzer findet die Studie des Politkwissenschaftlers Grégoire Chamayou zwar zu einseitig, als Ergänzung zu den Debatten über die Verantwortung für den Neoliberalismus erscheint sie ihm aber sinnvoll. Erhellend findet er, wie der Autor mit von Hayek und Friedman die Mogelpackung der Autonomisierung des Bürgers aufdeckt und erläutert, wie weiter Staat und Wirtschaft die Revolten für Mitbestimmung und individuelle Freiheiten der 70er im Keim erstickten und für ihre Zwecke, für Macht und Profit nutzbar machten. Der wirklich umfassende Blick auf die gesellschaftlichen Entwicklungen und Umbrüche der 70er steht für Balzer aber noch aus.