Michail Ryklin

Kommunismus als Religion

Die Intellektuellen und die Oktoberrevolution

Klappentext

Die Bolschewiki inspirierte der Glaube - eine Art weltliche Religion - an die Möglichkeit einer radikalen Umgestaltung der rückständigen bäuerlichen Gesellschaft. Von Anfang an erklärten sie der Orthodoxie den unversöhnlichen Krieg, installierten ein System von kommunistischen Riten und betrieben eine effektive Propaganda der Errungenschaften des neuen Regimes. Zentrum des sowjetischen Kultus wurde das Leninmausoleum: dort liegt bis zum heutigen Tag der einbalsamierte Leichnam des toten Parteiführers. In den dreißiger Jahren kommt es zu seiner Vergöttlichung, wird im Recht die "Schuldvermutung" eingeführt, in der Kunst ein einheitlicher Stil (der Sozialistische Realismus) verordnet und der Sowjetpatriotismus eingepflanzt. Keine weltliche Religion des 20. Jahrhunderts kann sich in ihrer Anziehungskraft für die Intellektuellen mit der kommunistischen (Raymond Aron nannte sie das "Opium für die Intellektuellen") vergleichen. Die Gründe dieser Verzauberung zu klären ist die wichtigste Aufgabe des Buches. Was am ursprünglichen revolutionären Glauben und seiner Kultur erschien Walter Benjamin, Andre Gide, Lion Feuchtwanger, Bertolt Brecht und vielen anderen als ungewöhnlich wertvoll und sogar einzigartig?

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 23.06.2010

Sowohl Gerd Koenens als auch Michail Ryklins Auseinandersetzung mit dem Kommunismus, die jetzt in Buchform vorliegen, gründen laut Ulrich M. Schmid auf persönlicher Betroffenheit. Der Historiker Koenen war als Student überzeugter Kommunist, wandte sich nach Verhängung des Kriegsrechts in Polen entschieden davon ab und gilt heute als "einer der profiliertesten" Kenner des Kommunismus, erklärt der Rezensent. Der Philosoph Ryklin dagegen hat als einer der ersten Poststrukturalisten unter den Repressionen des Sowjetsystems zu leiden gehabt, so Schmid weiter. Koenen stellt den Niedergang des Kommunismus der Kapitalismuskrise im Zeitalter der Globalisierung gegenüber, Ryklin dagegen betrachtet die kommunistische Ideologie als Religion und zieht Parallelen zur Situation im heutigen Russland, stellt der Rezensent fest. Beiden Büchern attestiert er überzeugendes Fachwissen und wertet sie als je etwas unterschiedlich gelagerte Abrechnung mit einer Ideologie, die negative Auswirkungen auf Leben und Werdegang ihrer Verfasser gehabt hat.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 17.09.2008

Für Tim B. Müller steht außer Zweifel, dass es sich bei Michail Ryklin um einen der "interessantesten Denker Russlands" handelt. Dessen These, dass Kommunismus eine Religion ist, sei zwar nicht neu, der Autor verstehe dies allerdings anders als Eric Voegelin oder Gerd Koenen nicht als "Ersatzreligion", sondern als wirklichen Glauben, so der Rezensent gefesselt. Solange Ryklin diese Erkenntnis auf die Auswirkungen des Sowjetsystems auf das heutige Russland anwendet, findet der Rezensent seine Ausführungen sehr erhellend. Schwieriger erscheint es ihm, wenn der Autor seinen kommunistischen Religionsbegriff auf die Intellektuellen insgesamt ausweitet. Hier gelingen ihm zwar äußerst treffende politische Porträts von Walter Benjamin, Bertrand Russell oder Bertolt Brecht, wie der Rezensent anerkennend anmerkt. Sein "Glaubensbegriff" allerdings scheint Müller nicht recht treffsicher und insgesamt zu "undifferenziert.
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Rezensionsnotiz zu Die Tageszeitung, 29.07.2008

Nach einigen allgemeineren Betrachtungen zur Rückkehr der Religion und ihres autoritätsverherrrlichenden Charakters lobt Rezensent Rudolf Walther ebenso allgemein den "herausragenden Anspruch" der Veröffentlichungen des Verlags der Weltreligionen, um dann auch auf Michail Ryklins ebenda erschienenen Essayband zu sprechen zu kommen. Auch wenn er sich zu keinem expliziten Urteil hinreißen lässt, scheint ihm die Frage, der Ryklin nachgeht, von brennendem Interesse. Wie konnte die atheistische Oktoberrevolution unter westlichen Intellektuellen eine solch religiöse Verehrung einnehmen? Leider gibt Rezensent Walther keinen Aufschluss darüber, welche Erkenntnisse er dem Buch verdankt, er zitiert allerdings ausführlich aus dem Genre der Moskaureise-Literatur von Bertrand Russell, Andre Gide, Arthur Koestler und Lion Feuchtwanger.