Georges-Arthur Goldschmidt

Ein Wiederkommen

Erzählung
Cover: Ein Wiederkommen
S. Fischer Verlag, Frankfurt 2012
ISBN 978310027825
Gebunden, 196 Seiten, 18,99 EUR

Klappentext

Paris ist seine neue Heimat. Endlich das Gefühl, aufgenommen zu sein. Aber vergessen hat Arthur Kellerlicht nichts: Erst zehnjährig wird er des Landes verwiesen, verurteilt, weil er als Jude geboren ist. Rettung findet er in einem Internat in den Savoyen, wo die Züchtigung zum Alltag gehört. Und weil sich der Heranwachsende des Lebens unwürdig fühlt, ist es nur richtig, dass er bestraft wird: für das Lesen unerlaubter Bücher, für das Entdecken des eigenen Körpers, ganz einfach dafür, dass es ihn gibt, dass er überlebt hat.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 12.06.2012

Nah am Unerträglichen balanciert Georges-Arthur Goldschmidt mit seinem Erziehungsroman für den Rezensenten Samuel Moser. Moser kann all die niederschmetternden Erfahrungen der Figur in diesem Text überhaupt nur aushalten, indem er sich bewusst macht, dass all dies Verschmelzen von Leben und Schande dem Goldschmidt-Leser bereits bekannt ist und dass die Unerbittlichkeit, mit der der Autor den jungen Arthur Kellerlicht darstellt, die Unerbittlichkeit des Autors gegen sich selber ist. Im Übrigen aber beglückt den Rezensenten Goldschmidts Fähigkeit, noch im Kleinsten stets das Ganze zu erfassen, in einer einzigen Wahrnehmung eine ganze Biografie.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.06.2012

Die FAZ hatte die glückliche Eingebung, dieses Buch niemand anderem als Herta Müller zur Besprechung zu geben - und natürlich schreibt sie mehr als eine Kritik, die man einfach so resümieren könnte. Ihr Artikel bezieht seine Spannung aus dem Zwiespalt zwischen Müllers diametral entgegengesetzter Herkunft - "Ich bin das Kind eines SS-Soldaten", schreibt sie - und der Verwandtschaft ihrer Exil-Erfahrung mit dem Heimweh, das für beide, Rezensentin und Autor, lebenslänglich unstillbar sein muss. Müller konstruiert ihre Kritik ganz stark aus Paraphrase und Zitat, mit denen sie auch ihrer Bewunderung für die Präzision von Goldschmidts Sprache Ausdruck gibt. Daran kann sie sich nicht satt lesen: Es sind Wörter wie "Heimwehschutz" oder "lippenfertig" oder "geburtsschuldig", die sie faszinieren und zugleich an eigene Prägungen erinnern - und einige davon finden sich auch hier, etwa wenn sie schreibt, dass sich die Internatszeit bei Goldschmidt "fertig eingeschlichen" habe in alles, was ihn später umgibt. Müllers Text ist zugleich die präzise Lektüre eines Buchs und Lebens - zum Beispiel wenn sie erzählt, dass die deutsche und französische Version des Buchs nicht gleich sind - und eine Hommage, die sich nicht scheut, deutlich zu werden: "Ich kenne kaum einen Autor, der so ein Deutsch schreibt, dass einem das Herz in den Kopf pocht."

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 02.06.2012

Endlich ist Georges-Arthur Goldschmidts Erzählung "Ein Wiederkommen" auch auf Deutsch erschienen, freut sich Rezensentin Cornelia Geißler. Die Kritikerin liest hier die Geschichte von Goldschmidts Alter Ego Arthur Kellerlicht, der als Zehnjähriger zu seinem Schutz vor den Nazis nach Frankreich geschickt und von seinen Eltern getrennt wurde, und nun erstmalig in seinen Geburtsort Reinbek bei Hamburg zurückkehrt.  Nach der Lektüre dieser Erzählung über "Scham und Schande, Hoffnung und Heimatsuche" hat die Rezensentin das Gefühl, dass es dem Autor, der seine Geschichte selbst ins Deutsche übersetzte, leichter fiel, diese in französischer Sprache zu erzählen.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 18.04.2012

Nein, ein Langweiler ist der Autor wegen seines thematischen Insistierens noch lange nicht, versichert uns Till Briegleb, der Georges-Arthur Goldschmidt inzwischen so gut kennt, dass er auch kleinste Variationen in dessen autobiografischem Schreiben über die Nöte und Ängste eines Holocaust-Überlebenden wahrzunehmen vermag. In Goldschmidts neuer Erzählung kehrt der Erzähler zurück in sein Elternhaus im Nachkriegsdeutschland und erlebt das Land beschäftigt mit dem Wiederaufbau und mit dem Verdrängen. Neu scheint Briegleb hier die Beurteilungsschärfe des Erzählers und die Frage nach der moralischen Verantwortung, die die in früheren Texten des Autors allgegenwärtige Scham verdrängt zu haben scheinen. Briegleb deutet das als befreiende Wendung in Goldschmidts Schreiben. Gleichwohl verzichtet der Band nicht gänzlich auf jene "autistische Poesie der Selbstbespiegelung". Im Rückblick auf die Kindheitsjahre im Waisenhaus im französischen Pointoise begegnet sie dem Rezensenten - und schlägt ihn abermals in ihren Bann.
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Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 15.03.2012

Rezensent Hans-Jürgen Heinrichs hat mit Georges-Arthur Goldschmidts Erzählung "Ein Wiederkommen" ein Buch gelesen, das ihm auf eindrucksvolle Weise zeigt, wie nahe "die Poesie, das Grauen und die Rettung" beieinander liegen können. Denn der preisgekrönte, in Paris lebende Autor blickt hier anhand seines Alter Egos Arthur Kellerlicht auf sein Leben zurück und so erfährt der Kritiker, wie Goldschmidt als Zehnjähriger aus Nazi-Deutschland nach Frankreich flieht, wo er in einem Internat "perfiden pathologischen Entgleisungen" ausgesetzt ist und nach dem Krieg schließlich zurück nach Deutschland reist. Ganz fasziniert ist der Rezensent aber insbesondere von der Fähigkeit des Autors, das Innenleben seiner literarischen Figur zu gestalten: er liest hier wie Goldschmidts Protagonist sich in ein Netz aus Schuld und Scham, Strafe und Lust verstrickt und über die masochistische Erregung, die die Erinnerungen an die Bestrafungen im Internat hervorrufen, stets Souveränität bewahrt. Nur ein Schriftsteller vom "Rang eines Georges-Arthur Goldschmidt" kann das Begehren von der Seite des Erleidenden derart eindringlich schildern, betont der Rezensent.