Aleida Assmann

Der lange Schatten der Vergangenheit

Erinnerungskultur und Geschichtspolitik
Cover: Der lange Schatten der Vergangenheit
C. H. Beck Verlag, München 2006
ISBN 9783406549625
Broschiert, 320 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

Wir haben das 20. Jahrhundert verlassen, aber es hat uns nicht verlassen. Mehr als sechzig Jahre nach Weltkrieg und Holocaust sind wir noch damit beschäftigt, dieser traumatischen Vergangenheit eine Erinnerungs-Gestalt zu geben. Aleida Assmann untersucht unterschiedliche Wege, die von individuellen zu kollektiven Konstruktionen der Vergangenheit führen, und geht den Spannungen zwischen persönlicher Erfahrung und offiziellem Gedenken nach.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 06.12.2006

Aleida Assmann biete zunächst einmal einen "ambitionierten" Überblick zu den einschlägigen Theorien über individuelles und kollektives Gedächtnis, lobt Rezensent Christoph Jahr. Im zweiten Teil gehe es dann empirisch um die im Untertitel angekündigte "Erinnerungskultur und Geschichtspolitik". Hier ist der Rezensent weniger glücklich, da er kaum Neues auszumachen vermag und ihm Themen wie ?Erinnerungsorte' zu kurz abgehandelt erscheinen. "Überzeugend" seien dann wiederum Aleida Assmanns Ratschläge für eine angemessene Erinnerungskultur. Leider hätten sich diese Einsichten zum Umgang mit Täter- und Opfererinnerungen noch nicht allgemein durchgesetzt. Umso wichtiger, plädiert Christoph Jahr, sei daher ein Buch wie dieses.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 04.10.2006

"Lesenswert" findet Rezensent Matthias Arning diese "präzise Intervention" zur gegenwärtigen Erinnerungskultur, als deren Ziel Arning deren Befreiung aus der gegenwärtigen Sackgasse beschreibt. Aleida Assmann werbe für einen Ansatz, der dem Gedächtnis einen "gemeinsamen Erinnerungsraum" zugrunde lege, in dem es auch Platz für "die Empathie" mit dem Leid des anderen gebe. Die "geschichtspolitischen Konkurrenzen", vor deren Hintergrund sie Debatten zur Erinnerungskultur ausgetragen sehe, halte sie für unproduktiv und schädlich. Besonders gehe sie dabei auf die Kontroverse zwischen Hannes Heer, dem Verantwortlichen für die Wehrmachtsausstellung, und dem "Chronisten des Bombenkrieges", Jörg Friedrich, ein. Auch Vertriebenen-Präsidentin Erika Steinbach werde kritisiert. Die in Teil eins des Buches gelegten theoretischen Grundlagen von Assmanns Auseinandersetzung mit deutscher Erinnerungskultur, samt des beschriebenen Paradigmenwechsels seit 1989 hat der Rezensent ebenfalls mit Interesse gelesen.

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 28.09.2006

Mehr erwartet hat sich Rezensent Norbert Frei von dieser Arbeit über "Erinnerungskultur und Geschichtspolitik", die die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann vorgelegt hat. Die erhoffte Orientierung im kulturwissenschaftlichen Gedächtnisdiskurs liefert das Werk seines Erachtens nicht. Er stößt sich an der theorielastigen Abgehobenheit des Buchs, das er in vielen Punkten überaus vage findet. Etwa wenn die Autorin verschiedene Beobachtungen und Positionen von Ian Buruma, W.G. Sebald, Karl Heinz Bohrer und anderen referiert. Zudem bleibt Assmann dem Leser zum Bedauern Freis die Antwort schuldig, wie ein aufgeklärtes Konzept "nationaler Trauer" aussehen könnte. So verfestigt sich bei ihm der Eindruck, hier die Grenzen des kulturwissenschaftlichen Gedächtnisdiskurses zu besichtigen. Diesem Diskurs kann er generell den Vorwurf nicht ersparen, historische Sachverhalte und Zusammenhänge weitgehend zu ignorieren, um stattdessen emphatisch vom "Gedächtnisklima" oder einem "Zurückfluten der Erinnerung" zu reden und sich in seinen eigenen Konstruktion zu gefallen.