Rezensionsnotiz zu
Neue Zürcher Zeitung, 27.05.2000
Stefan Breuer bespricht diesen Band zusammen mit Band 22 der Tönnies-Gesamtausgabe und weist darauf hin, dass es sich hierbei um die beiden ersten Bände einer auf 24 angelegten Gesamtausgabe des Soziologen handelt. In seiner Kritik unterscheidet er nicht genau zwischen den Inhalten der beiden Bände - er nutzt sie eher, um anhand des in den Büchern vorgestellten Materials ein Porträt des zu Unrecht vergessenen Soziologen zu skizzieren. Den monumentalen Plan der Ausgabe im Rücken möchte er vor allem darlegen, dass Tönnies mehr ist als der "Verfasser eines einzigen Werkes", nämlich des Buches "Gemeinschaft und Gesellschaft", das Tönnies heute als einen irrationalen Verehrer der "Gemeinschaft" dastehen lasse. Glaubt man Breuer, liegen die Dinge wesentlich komplizierter. Der Rezensent lobt zunächst die ungeheure Spannweite von Tönnies` Denken, der sowohl über Hegels Naturrechtslehre als auch über englische Weltpolitik Substanzielles zu sagen wisse und dabei die unterschiedlichsten Denker in sich aufnehme. Auch "die einzigartige Kombination von Illusionslosigkeit im Großen und Pragmatismus und Reformbereitschaft im Kleinen" weiß Breuer zu loben. Ein irrationales Gemeinschaftsdenken finde man bei Tönnies vor allem im Ersten Weltkrieg, dem er zuerst skeptisch, dann aber immer affirmativer gegenübergestanden habe. In der gemeinsamen Kriegsanstrengung des Volkes habe er so etwas wie einen Staatssozialismus heraufdämmern sehen. Später aber, so zeigt Breuer, gewinnen der Liberalismus und der Begriff der "Gesellschaft" gegen jenen der Gemeinschaft wieder Boden bei Tönnies.
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