Erica Fischer, Simone Ladwig-Winters

Die Wertheims

Geschichte einer Familie
Cover: Die Wertheims
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2004
ISBN 9783871344435
Gebunden, 384 Seiten, 19,90 EUR

Klappentext

1851 eröffnen die Brüder Abraham und Theodor Wertheim in Stralsund ihr erstes "Manufactur- und Modewaarengeschäft" - der rasante Aufstieg der jüdischen Kaufmannsfamilie beginnt. Abrahams Sohn Georg wagt 1884 den Sprung nach Berlin, und innerhalb weniger Jahre wird das Warenhaus Wertheim zum größten und prachtvollsten Europas. Trotz fortwährender antisemitischer Anfeindungen kann der Patriarch Georg Wertheim das Unternehmen erfolgreich durch den Ersten Weltkrieg und die zwanziger Jahre führen. Erst die Nationalsozialisten besiegeln dessen Schicksal: Wertheim wird schrittweise "arisiert" und 1938 für "deutsch" erklärt. Nach Georg Wertheims Tod 1939 heiratet seine Witwe den Justitiar der Firma. Ihm gelingt es nach dem Krieg, weitere Erben um ihren Besitz zu bringen und alles an Hertie zu verkaufen. Fünfzig Jahre später beginnt eines der spektakulärsten Entschädigungsverfahren der Nachkriegszeit: Nachfahren der Warenhausdynastie klagen gegen den jetzigen Eigentümer KarstadtQuelle.

Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 08.03.2005

Das jüngste und spektakuläre Urteil des Berliner Verwaltungsgerichtes macht das Buch der Historikerin Simone Ladwig-Winters und der Autorin Erica Fischer ("Aimee und Jaguar") besonders aktuell: Franziska Sperr geht in ihrer Buchbesprechung ausführlich auf die dem Urteil zugrunde liegende Klage der Wertheim-Erben ein. Deren Familiengeschichte wird "spannend und kenntnisreich" erzählt, so Sperr, dem Buch seien außerdem viele Fotos aus Familienbesitz beigegeben. Als unverzichtbar empfindet sie das Personenregister und die Stammtafel, denn diese über mehrere Generationen sich ziehende Familiengeschichte ist von Natur aus verworren, unübersichtlich. Die Familie Wertheim wurde von den Nationalsozialisten vertreiben, ihr Besitz "arisiert", d.h. zu einem lächerlichen Scheinpreis verkauft. Nach dem Krieg übernahm der Hertie-Konzern das Unternehmen, den Wertheim-Erben wurde eingeredet, so Franziska Sperr empört, dass das Anmelden von Rückerstattungsansprüchen sinnlos sei. Das Berliner Verwaltungsgericht sah das anders, stellt Sperr befriedigt fest; wer sich für die Firmen- und Familiengeschichte der Wertheims interessiert, kann seine Wissenslücken durch Lektüre dieses Buches füllen. Da bekommt man mehr vom Flair des berühmten Wertheim-Kaufhauses mit, als wenn man sich heute in dessen triste Cafeteria setzt, merkt Sperr mit Wehmut an.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 24.12.2004

Das war nichts. Sowohl stilistisch als auch inhaltlich hat Andreas Platthaus an der Familienbiografie der Wertheims einiges zu bemängeln. Die Geschichte der Wertheims biete Erfolge und Skandal genug, meint der Rezensent, aber Erica Fischer und Simone Ludwig-Winters "haben wenig daraus gemacht". Die Spannung sollte sich aus der Geschichte selbst ergeben, "aber dafür muss man erzählen können". Da helfe es auch nicht, ein Sachbuch wie einen "Kolportageroman" zu formulieren oder die Nazizeit "unheilschwanger" anzudeuten, um sich dann in dem entsprechenden Kapitel eines klaren Urteils zu enthalten. Aber der Rezensent hat auch inhaltliche Einwände anzumelden. Er deckt Fehler in den Bildunterschriften, im Stammbaum und im Fließtext auf, die unmögliche chronologische Zusammenhänge unterstellen. "Solche Nachlässigkeiten entwerten ein Buch", das laut Rezensent überhaupt mehr Warenhaus- als Familiengeschichte sei. Ganz zum Schluss werde es noch einmal spannend, wenn die aktuellen rechtlichen Auseinandersetzungen über die Enteignung geschildert werden, aber auch hier nehmen die Autorinnen so deutlich Partei für die Wertheims, dass Platthaus gar nicht mehr erwartet, "objektiv informiert zu werden".

Rezensionsnotiz zu Die Zeit, 09.12.2004

Ganz zufrieden ist Willi Jasper nicht. Erica Fischer und Simone Ladwig-Winters zeigen nicht weniger als die "Tragik einer zweihundertjährigen deutsch-jüdischen Familien- und Sozialgeschichte". All die Ambivalenz, die Konflikte und Kompromisse, den jüdische deutsche auszuhalten hatten, die einerseits ihre Traditionen bewahren und sich andererseits als säkulare Bürger verstehen wollten. Somit werde die Familienhistorie der Wertheims auch, wie Jasper anerkennend schreibt, zu einer "exemplarischen jüdisch-deutschen Beziehungsgeschichte". Die Struktur des Buches liefern die Tagebuchaufzeichnungen des Familienpatriarchen Georg Wertheim. Das Problem dieser Darstellungsweise ist, bemängelt Jasper, dass dieses Tagebuch als offizielle Chronik von Familie und Unternehmen zugleich angelegt ist und deshalb keine "intimen Informationen" preisgibt. So erfahre man nichts über den inneren Konflikt Georg Wertheims, der ihn zur Konversion zum Christentum veranlasste, viel dagegen über seine Loyalität zum Kaiser. Die letzte Phase der Unternehmensgeschichte bleibt für den Rezensenten trotz der "aufwändig dokumentierten" Gespräche mit Wertheim-Nachfahren aus der ganzen Welt "verwirrend", die juristischen wie moralischen Fronten im aktuellen Entschädigungsverfahren rund um die Arisierung des Unternehmens "unklar".