Stewart Brand

Das Ticken des langen Jetzt

Zeit und Verantwortung am Beginn des neuen Jahrtausends
Cover: Das Ticken des langen Jetzt
Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2000
ISBN 9783518411506
Broschiert, 196 Seiten, 16,36 EUR

Klappentext

Aus dem Amerikanischen von Martin A. Baltes. Wenn sich die amerikanische Cyber-Elite mit dem Rock-Avantgardisten Brian Eno zusammentut, um über das Ende des Millenniums nachzudenken, ist Außergewöhnliches zu erwarten. Dass sie aber eine Uhr erfinden, die nur einmal im Jahr tickt, bei der erst nach einem Jahrhundert die Zeiger vorrücken und die 10000 Jahre lang die genaue Zeit anzeigt, ist eine Provokation. Und diese ist auch geplant: Der langsamste Computer der Welt und die "Uhr des langen Jetzt" sollen am Ende des Jahrtausends eine neue Zeitrechnung anbrechen lassen. Der Beschleunigung, die in allen Bereichen der gegenwärtigen Zivilisation zu konstatieren ist, wird mit der in Jahrtausenden zählenden Uhr eine Verlangsamung der Zeit entgegengestellt. Das visionäre Projekt beschränkt sich aber nicht allein auf eine Uhr: Das "Gehäuse" der Uhr soll auch eine Bibliothek beherbergen, die für die kommenden zehntausend Jahre die wesentlichen Dokumente der ersten zehntausend Jahre der Menschheitsgeschichte bereitstellt. Uhr und Bibliothek, Zeit und Archiv sind die Mythen des letzten Jahrtausends, die als Leitlinien auf dem Weg ins nächste Millennium dienen können.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 14.08.2000

Ralf Drost kann diesem Buch offenbar nur wenig abgewinnen, auch wenn er einräumt, dass die Texte "flott zu lesen sind" und neugierig auf die Homepage des Projektes machen (www.longnow.org). Drost erläutert, dass es den Autoren primär um Verantwortung geht, und zwar um eine Verantwortung, die sehr weit (zehntausend Jahre) in die Zukunft reicht. Dass Stewart Brand bei seinen Erläuterungen zu "kurzfristigem und langfristigen Denken und Handeln" die Begriffe `kairos` und `chronos` verwendet, kritisiert der Rezensent, weil sich seines Erachtens zumindest der Begriff `kairos` dafür gar nicht eignet, wie er anschließend näher erläutert. Drost ist zwar ebenfalls überzeugt davon, dass eine in größeren Zeitkategorien denkende "Verantwortungsethik" erforderlich ist. Jedoch bietet ihm das Buch in dieser Hinsicht zu wenig. Viel mehr als "das selbstbegeisterte Vertrauen darauf, dass es Verdinglichung schon richten wird", mag er hier nicht zu erkennen.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 22.07.2000

In einer Doppelbesprechung hat sich Manuela Lenzen die folgenden Titel zum Thema einer neuen Zeitkultur vorgenommen:
1) Michel Baeriswyl: "Chillout"
Nicht nur die allseits beklagte Beschleunigung des Alltags ist das Problem, dem sich der Schweizer Sozialpsychologe und Kulturphilosoph zuwendet, schreibt die Rezensentin. Vielmehr geht es ihm um die "Kolonisierung natürlicher Rhythmen", was heißt, dass die "Eigenzeiten" unterschiedlicher Systeme nicht beachtet werden. Ein einfaches Beispiel: Unfälle wie die Reaktorkatastrophe von Tschernobyl oder die Havarie der Exxon Valdez fanden immer zwischen Mitternacht und den frühen Morgenstunden statt, wenn "der Mensch ins Bett gehört" und nicht in Kontrollräume. Komplexere Beispiele sind die Langzeitwirkungen z.B. von Schadstoffen und die eher kurzsichtigen, an der eigenen Lebenszeit gemessenen "Aktivitäten des Homo sapiens". Kurzum, es geht dem Autor um ein Nachdenken über "synchronisierte Schnittstellen von Systemen", um eine "Fehlerfreundlichkeit" neuer Technologien, und um Zeitinseln der Regeneration, dem Chill-Out-Room der Techno-Kids, nach dem das Buch benannt ist. Manuela Lenzen findet dies eine "pointierte Studie", die jedoch an der Menge von "ökologischen Gemeinplätzen" leidet, aus denen man sich das Interessante herauspicken muss.
2) Stewart Brand: "Das Ticken des langen Jetzt"
Der Autor dieses Buches ist Mitbegründer der amerikanischen Long Now Foundation, die sich Gedanken zur Langfristigkeit macht und versucht, konkrete Projekte des Umdenkens zu schaffen. Dazu gehört, so berichtet Lenzen, z.B. eine Uhr, die 20 000 Jahre halten soll und pro Jahr nur einmal tickt. Und vor die Jahreszahl 2000, die man soeben stolz erreicht hat, wird eine 0 gesetzt, - 02000, und damit der simple Hinweis auf eine sehr viel längere Perspektive. Mit solchen "einfachen Tricks" gelingt es dem Autor, so die Rezensentin, den Leser in die "langfristige Perspektive" zu locken. Nebenbei weist die Rezentin auf die Internetadresse der Long Now Foundation hin: www.longnow.org
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Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 08.07.2000

Stewart Brand hat eine Computeruhr entworfen, die genau einmal im Jahr tickt. Dies ist der Essayband zur Uhr. Der Rezensent mit dem Kürzel "upj." versteht das ganze Projekt, das noch eine Gesellschaft "zur Förderung der langfristigen Verantwortung" umfasst, als im Grunde imaginäres und beschreibt es als Gegenentwurf zum von Paul Virilio diagnostizierten "Rasenden Stillstand" unserer Gegenwartsgesellschaft.