Dietz Bering wirft ein neues Licht auf Luthers rätselhaften Wandel vom Judenfreund zum erbitterten Judenfeind. Mittels der Kategorie der Kontrastbetonung findet er zu einer differenzierten Deutung. Das Verhältnis von Luther zu den Juden zeigt sich als "Tragödie der Nähe": Die reformatorischen Umwälzungen ließen Luther so nah an die Juden heranrücken, dass die alte Distanzstellung aufgehoben war. Aus der bedrohlichen Nähe erwuchsen massive Abgrenzungsreaktionen. Das an Luther gewonnene Modell überträgt der Autor auf die gesamte deutsch-jüdische Geschichte. Die "Tragödie der Nähe" - ein durchgängiges Strukturmerkmal der deutsch-jüdischen Geschichte?
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 08.01.2015
Thomas Kaufmann, Professor für Kirchengeschichte in Göttingen, misstraut dem durch intensive Beschäftigung mit dem 19. und 20. Jahrhundert geprägten Blick Dietz Berings auf Luther, den "stiernackigen Gottesbarbar", wie Thomas Mann ihn einmal genannt hat, vor allem misstraut er aber dem "universalen Erklärungsschlüssel", den der Autor in "War Luther Antisemit?" gefunden zu haben meint: für Bering sei klar, dass die extreme Abgrenzung das Ergebnis einer extremen Nähe sei, die Kontrastbetonung die Folge einer als bedrohlich wahrgenommenen Ähnlichkeit, fasst der Rezensent zusammen. Aufgrund dieses Schemas F entgehen Bering dann wesentliche Unterschiede zwischen theologischen und politischen Standpunkten Luthers sowie zwischen dem religiös motivierten Antisemitismus des sechzehnten und dem biologistischen Rassismus des zwanzigsten Jahrhunderts, erklärt Kaufmann.
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