Ostdeutsche stilisieren sich im öffentlichen Diskurs gern als Opfer der deutschen Einheit. Tatsächlich haben sie sich aber von der friedlichen Revolution bis heute als mächtiger politischer Akteur erwiesen. So ging im revolutionären Umbruch von 1989 die Dynamik nicht von der kleinen Schar der Bürgerrechtler und Bürgerrechtlerinnen aus, sondern von der Bevölkerung. Und heute beherrscht die ostdeutsche Bevölkerung durch ihr Wahlverhalten und nicht zuletzt durch ihren Opferdiskurs die öffentlichen Debatten. Am ostdeutschen Protestverhalten lässt sich begreifen, wie sich eine Bevölkerung zum Volk konstituiert - unter den Bedingungen einer Diktatur - und wie in der Demokratie die kollektive Selbstermächtigung zum Ressentiment verkommt.
Rezensionsnotiz zu
Süddeutsche Zeitung, 13.10.2020
Steffen Mau stört sich an der Unzufriedenheit des Soziologen Detlef Pollack an "seinem" Volk der Ostdeutschen. Dass es die Ostdeutschen sind, die unzufrieden sind, möchte der Autor dem Leser laut Mau gern vermitteln. Dazu bediene sich Pollack einerseits "mikrohistorischer Fallstudien" über ostdeutsche Städte, um die Massenproteste als nur von geringer Bedeutung für den Machtsturz auszuweisen, zum Anderen erörtert er die Gemütslage der Ostdeutschen anhand von Rückblicken in die Umbruchszeit. Dass er dabei auf Seitenblicke verzichtet und wiederum ein "Kollektivsubjekt" konstruiert, gefällt Mau nicht. Hätte sich der Autor eindeutiger positioniert zwischen nüchterner Darstellung und "volkspädagogischer Schrift", dem Rezensenten wäre wohler gewesen.
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