Daniil Charms

Trinken Sie Essig, meine Herren

Werke 1. Prosa
Cover: Trinken Sie Essig, meine Herren
Galiani Verlag Berlin, Berlin 2010
ISBN 9783869710259
Gebunden, 260 Seiten, 24,95 EUR

Klappentext

Aus dem Russischen von Beate Rausch. Herausgegeben von Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg. Mit diversen Abbildungen. Beinahe wäre Charms' Werk ins Räderwerk der Geschichte geraten: Bis in die späten 80er Jahre hinein waren die Texte dieses Genies des Komischen und Absurden in der Sowjetunion verboten. Der Autor selbst verhungerte 1942 in stalinistischer Gefangenschaft, nach Jahren politischer Verfolgung. Nur durch Glück und den Einsatz eines Freundes wurden seine Kurzgeschichten, Gedichte, Theaterstücke und Notizen vor dem stalinistischen Terror-Regime gerettet. Über die letzten Jahrzehnte konnte so sein Nachlass aufgearbeitet werden. Auf dieser Grundlage basiert die erste deutsche Werkausgabe, die in der Übersetzung von Beate Rausch und Alexander Nitzberg Charms nicht nur als Meister des Satirisch-Grotesken und Absurden, sondern auch als großartigen Sprachartisten und urkomischen Nonsens-Künstler neu entdeckt, ein russisches Gegenstück zu Ringelnatz. Charms' Figuren stolpern durch die Idiotie ihres Alltags, fallen oder lösen sich gar auf. Dabei trifft der kafkaeske Nonsens, der in der Diktatur als ein verzerrtes Abbild der Wirklichkeit gelesen wurde, mitten hinein in das allgemein Menschliche.

Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 09.03.2013

Rezensent Uwe Stolzmann weiß diese vierbändige Werkausgabe des russischen Avantgardisten Daniil Charms (1905-1942) zu schätzen. Die von Vladimir Glozer und Alexander Nitzberg herausgegebene deutsche Ausgabe erschließt für ihn das breite Oeuvre des Schriftstellers und verdeutlicht, dass Charms nicht nur ein "Meister grotesker Prosa" war, sondern auch Lyriker, Dramatiker und Performance-Künstler. Zahlreiche Texte waren nach Auskunft des Rezensenten bisher nicht ins Deutsche übertragen oder nur in weniger überzeugenden Übersetzungen zu lesen. Nicht immer scheint Stolzmann die Lektüre der vier Bände die reine Freude zu sein, finden sich unter den Texten doch auch einige Belanglosigkeiten. Auf der anderen Seite hat er immer wieder Überraschendes entdeckt. Die Ausgabe ermöglicht in seinen Augen jedenfalls einen neuen, umfassenderen Blick auf Charms sowohl im Blick auf die Breite seines Oeuvres als auch im Blick auf die Abgründe des Schriftstellers.

Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.02.2012

Sabine Berking erhofft sich, dass mit der Gesamtausgabe von Daniil Charms Werken in vier Bänden, die nun geschlossen vorliegt, dieser "Meister" der absurden Literatur einer breiteren Leserschaft näher gebracht werden kann, war er bislang doch bestenfalls Eingeweihten bekannt. Charms, dem man unter Stalin "nihilistische Propaganda" vorwarf, weshalb man ihn verbannte, verhaftete und zwangsweise in die Psychiatrie einwies, wo er 1941 starb, passte auch nicht in das Programm des Sozialistischen Realismus nach dem Krieg und erst gegen Ende des Kommunismus wurde er von der russischen Avantgarde als Kultfigur entdeckt, erklärt die Rezensentin. Die absurden Prosaminiaturen und Theaterstücke erinnern Berking in ihrer vertrackten Sinnlosigkeit an Laurel-und-Hardy-Sketche, und gerade weil Charms in keine Zeit zu passen scheint, ist er "zeitlos modern", wie die eingenommene Rezensentin meint.
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Rezensionsnotiz zu Süddeutsche Zeitung, 11.01.2012

Sibylle Cramer verehrt ihn einfach, diesen "Freischärler in der Maske des Spaßvogels". Denn bei allem Witz und aller Absurdität, war der Unsinn für Daniil Charms ein Instrument im politischen Kampf gegen Stalin, der die Sowjetunion in ein Totenhaus verwandelte. Zum Beispiel erinnert Cramer an die Geschichte "Darüber wie ein Mann zerbröselt", die von einem Mann erzählt, von dessen Existenz nach einer kritischen Bemerkung gegenüber der Obrigkeit nur soviel übrig bleibt, dass man es zusammenkehren kann. Daher begrüßt sie diese Ausgabe, die in sehr schöner Edition die Werke Charms' in bisher nicht erreichtem Umfang zugänglich macht. Doch ganz glücklich ist sie nicht mit den Übertragungen durch Beate Rausch und Alexander Nitzberg, die Charms radikal eindeutschen und dabei sogar auf Berlinerische Idiomen und deutsche Namen zurückgreifen. Nicht nur dass ihr da die elegante Übersetzung Peter Urbans lieber wäre. Auch sieht sie die Gefahr, dass der politische Kontext verloren geht und Charms, der für seine Texte mit Gefängnis und Verbannung zahlen musste, auf einen Sprachartisten reduziert wird.
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Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 02.10.2010

Vorsicht Suchtgefahr! Rezensentin Sabine Berking warnt uns eindringlich vor diesem Beckett des Ostens, Daniil Charms und seinem "Jaja" (russisch für Dada). Unerschrockenen aber stellt Berking die ersten zwei Bände (Prosa und Gedichte) der neu übersetzten und mit Erstveröffentlichungen sowie Zeichnungen des Dichters aufwartende Werkausgabe als "schaurigschönes Vergnügen" vor. Jedenfalls was die Prosa, ihre Übersetzung durch Beate Rausch und Charms Händchen für das Mystische im Alltäglichen anbetrifft. Bei den Gedichten hat Berking dann doch arge Zweifel, ob die für die Ausgabe vorgenommene thematische Ordnung und der eigens eingestellte Fokus auf Metrik und Rhythmik im Sinne des Autors wären.
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