Frühjahr 1929: Alle Welt redet nur noch vom Tonfilm, der in Amerika längst die Kino-Paläste erobert hat. Deutschland aber droht den Anschluss zu verlieren. Nun soll die mächtige Ufa das Land zurück an die Spitze führen, koste es, was es wolle. Ein halbes Jahr später hat der geniale Karl Vollmöller fast alles beisammen: das modernste Tonfilmstudio, einen grandiosen Stoff, den gefeierten Oscar-Preisträger Emil Jannings, der soeben glorreich aus den Vereinigten Staaten zurückgekehrt ist, und den perfekten Regisseur. "Der blaue Engel" wird nicht einfach nur ein Tonfilm sein, er wird ein neues Zeitalter einläuten, davon ist Vollmöller überzeugt. Nur die Hauptdarstellerin fehlt noch. Wer soll die abgründige Figur der Rosa Fröhlich verkörpern, die den biederen Professor ins Unglück stürzt? Etwa Marlene Dietrich? Als Revuegirl ist sie eine Klasse für sich, sie bietet Leichtigkeit, Unterhaltung, zeigt nackte Haut. Aber sie besitzt keinerlei schauspielerisches Talent!
Rezensentin Katharina Granzin wäre gern dabei gewesen, damals im Romanischen Café oder beim Dreh des "Blauen Engels", dem Übergang vom Stumm- zum Tonfilm, von dem Edgar Rai laut Granzin nebenher auch in seinem Roman erzählt. Der Mix aus (erotischer) Fantasie und historischen Fakten im Buch nimmt Granzin von Anfang an gefangen. Gebannt folgt sie der jungen Marlene Dietrich durch das Berlin der wilden 20er, begegnet dem Vamp wie der von Selbstzweifeln geplagten Mutter, dem Script-Autor Karl Vollmöller, allerhand weiteren Zeitgenossen und schwelgt in der Kulisse von Kinos, Theatern und Lokalen. Wie Rai seine Geschichte mit den Mitteln des Spannungsromans erzählt, findet Granzin virtuos.
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